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Analyse : Ersetzen Computer die Menschen?

Ein Roboter schüttelt auf der Hannover-Messe einem Mann die Hand. Bild: ddp

Computer und Roboter wälzen die Arbeitswelt um – und zwar in einem kaum gekannten Tempo. Wie schnell wird ein Programm lernen, ganz normale Bürojobs zu erledigen?

          3 Min.

          Für Übertreibungen und Schwarzmalerei ist Horst Neumann nicht bekannt. Umso schwerer wiegen deshalb die Worte, die der Personalvorstand von Deutschlands größtem Automobilhersteller Volkswagen vor Kurzem zur künftigen Entwicklung der Mitarbeiterzahl im Konzern gefunden hat. Derzeit zählen die Wolfsburger in ihren deutschen Werken noch etwas mehr als 100.000 Beschäftigte, davon sind laut Neumann ungefähr die Hälfte „taktgebunden“ in der Produktion beschäftigt. Man dürfe sich nichts vormachen, warnte Neumann schonungslos. Er sei sich sicher, dass diese Art von Arbeit in den nächsten zwanzig Jahren komplett wegfalle.

          Der Grund für Neumanns drastische Prophezeiung liegt auf der Hand: Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung der Produktion, auch als „Industrie 4.0“ bekannt, verdrängten zunehmend die menschliche Arbeitskraft. Der Kollege Roboter erledigt nicht nur die stupidesten Arbeiten, ohne zu murren. Er ist auch unschlagbar günstig. Im Falle Volkswagen liegen die Kosten zwischen 3 und 6 Euro je Stunde. Die nach Metalltarif bezahlte Produktionskraft aus Fleisch und Blut kommt zehnmal so teuer. Finanzer bekommen angesichts solcher Einsparpotentiale leuchtende Augen, Betriebsräte es dagegen mit der Angst zu tun. Angesichts des hohen Kostendrucks auf den Weltmärkten scheint die Substitution des Menschen durch Maschinen unausweichlich.

          Volkswagen ist keineswegs ein Einzelfall. Der technologische Wandel bricht derzeit mit Wucht über die Menschheit herein. Wirtschaft und Gesellschaft verändern sich in ihren Grundfesten. Moderne Sensorik erlaubt es der neusten Robotergeneration, aus ihren Käfigen in den Fabrikhallen auszubrechen: Maschinen kommunizieren direkt mit anderen Maschinen, die Industrie 4.0 steuert sich selbst. In Kombination mit selbstlernenden Algorithmen ergeben sich atemberaubende Möglichkeiten. Bislang in der Öffentlichkeit diskutierte Themen wie „automatisiertes Fahren“ oder „Flugdrohnen“ deuten allenfalls an, welches Potential in dieser Entwicklung steckt. Was bis vor wenigen Jahren noch reißerischer Stoff für Science-Fiction-Filme war, kann nun Wirklichkeit werden. Das Wort „Revolution“ ist nicht zu hoch gegriffen, um die Folgen des digitalen Wandels zu beschreiben.

          Wissenschaftler sehen jeden zweiten Arbeitsplatz bedroht

          Und wo bleibt da der Mensch? Man muss weder ein Untergangsapologet noch ein notorischer Technikfeind sein, um zu behaupten, dass die Digitalisierung die Stellung des Menschen in der Arbeitswelt grundlegend verändert. Zwar ist Strukturwandel mitnichten ein Phänomen des 21. Jahrhunderts, und auch frühere disruptive Prozesse – angefangen mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls im 18. Jahrhundert bis zur Automatisierung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – haben Teile des Wirtschafts- und Arbeitssystems für immer verändert.

          Doch das Tempo und die Tiefe, mit denen die Digitalisierung bekannte Muster hinwegfegt, wirft neue grundlegende Fragen auf: Wenn mein intelligenter Musikdienst auf dem Smartphone von Tag zu Tag besser meinen Geschmack trifft, wie schnell kann ein solches Programm dann lernen, meinen Bürojob zu erledigen? Unter Wissenschaftlern werden Studien heiß diskutiert, die jeden zweiten Arbeitsplatz bedroht sehen. Wird es, wie ein exponierter Vertreter der Internetszene prophezeit, künftig nur noch zwei Gruppen von Arbeitskräften geben: Diejenigen, die Computern sagen, was sie tun sollen - und jene, die von Computern gesagt bekommen, was sie tun sollen?

          Andererseits birgt die Entwicklung unstrittig auch eine Vielzahl an Chancen. Wenn Roboter und Algorithmen monotone Arbeiten in Fabrikhallen und Büros übernehmen, können sich die Mitarbeiter auf kreative, komplexe und anspruchsvolle Arbeiten konzentrieren. Das menschliche Gehirn ist gut darin, sich Bedrohungspotentiale auszurechnen. Doch mangelt es uns chronisch an der nötigen Phantasie, die Bedarfe der Zukunft vorherzusagen.

          Veränderungsprozesse sind im vollem Gang

          Wer hätte etwa vor zehn Jahren gedacht, dass App-Entwickler mal ein ernstzunehmender Berufszweig würde? Und bringt die Digitalisierung nicht auch völlig neue Formen der Arbeit mit sich – mobil und räumlich unabhängig, dem Bedürfnis vieler Beschäftigter nach Alternativen zum Acht-Stunden-Bürotag entsprechend? Nicht wenige sehen in der Digitalisierung sogar eine Antwort auf die Frage, wie ein alterndes und schrumpfendes Deutschland dem drohenden Fachkräftemangel in den kommenden Jahrzehnten begegnen kann.

          Viele dieser Veränderungsprozesse sind schon in vollem Gang, andere deuten sich gerade erst an. Deshalb widmet sich der Wirtschaftsteil der F.A.Z. von heute an in einer mehrteiligen Serie dem Thema „Smarte Arbeit“ und geht den Veränderungen in Fabriken und Büros auf den Grund. Wie wir in Zukunft arbeiten werden, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist, dass die neuen Technologien gewaltige Potentiale bergen. Welche davon am Ende tatsächlich realisiert werden, darüber entscheiden wir alle: als Kunden und Verbraucher, als Arbeitgeber und Beschäftigte sowie als politische Gestalter und gesellschaftliche Akteure.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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