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Zukunft der Arbeit : Nerds krempeln die Welt um

Testprojekt in Neuseeland: Google will per Ballon überall auf der Welt einen Internetzugang anbieten. Bild: dpa

Microsoft, Google und Co. beschäftigen sich längst nicht nur mit selbstfahrenden Autos und Systemen zur Spracherkennung. Ein Blick in ihre Labore zeigt, was alles noch möglich ist.

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          Der Blick in die Zukunft kann ganz unspektakulär daherkommen. Als der kleine Bastelbausatz mit einigen Pappteilen für die „Virtual Reality“-Brille von Google zum ersten Mal in der Redaktion ankam, landete das Teil direkt im Müll. Das war ein Fehler. Der zweite Versuch findet auf der „Google Zeitgeist“-Konferenz einige Monate später nahe London statt. Da ist der Papp-Bausatz schon zusammengesetzt. Er wird zur dicken Brille, mit der man auf ein Handy-Display blicken und im Handumdrehen in eine virtuelle Welt abtauchen kann. „Cool, was?“, sagt die junge Mitarbeiterin von Google, die die Brille vorführt.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          In der Tat - cool: Man sieht mit der Brille zwar aus wie ein Nerd, wird aber Teil einer virtuellen Welt, muss nur ein wenig den Kopf drehen, um durch ganze Fabrikhallen oder Gebäude laufen zu können. Es wirkt wie ein Spielzeug, hat aber einen Bezug, der weit in die Arbeitswelt hineinreicht, vorstellbar sind zum Beispiel Fernwartungen, bei denen der Techniker mit einer vergleichbaren Technik weit entfernte Anlagen warten kann. In London lernen wir: Nerds sind heute cool.

          Auch Microsoft ist auf dem Gebiet der virtuellen Realität mit seiner „Holo Lens“-Brille aktiv. Hier läuft zurzeit ein Wettbewerb, in dessen Rahmen Ideen entstehen sollen, die „das Leben in den Bereichen Produktivität, Zusammenarbeit und Innovation bereichern“, wie es in der Ausschreibung heißt. Bis zum 5. September können interessierte Nerds ihre Vorschläge noch einreichen. Als Beispiele nennt Microsoft die interaktive Bildung von Schülern oder auf Augmented Reality aufbauende Kunstinstallationen. Im wahrsten Sinne des Wortes soll mit solchen Brillen in die Zukunft geblickt werden. Und programmiert wird daran schon heute.

          Epidemien frühzeitig erkennen

          Dafür nutzen Microsoft, Google & Co. natürlich nicht nur Datenbrillen. Vielmehr gibt es beeindruckende Forschungsabteilungen, die sich mit Themen beschäftigen, die viel mehr mit der Zukunft der Arbeit zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheint. Dabei geht es längst nicht nur um selbstfahrende Autos, Systeme zur Spracherkennung oder zur automatischen Simultanübersetzung zum Beispiel eines Telefonats zwischen einem Chinesen und einem Deutschen. Von solchen Dingen hat man ja auch schon häufiger gelesen und gehört. Spannender ist der Blick bis zum weiter entfernten Horizont.

          Microsofts Forschungsabteilung arbeitet an einem neuen Projekt, bei dem Technologie dabei helfen soll, besser mit ansteckenden Krankheiten umgehen zu können. Es nutzt Methoden zur Datenerfassung und Analyse, die manches „normale“ Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte hellhörig machen sollten: „Project Premonition“ setzt auf Drohnen und Computerkapazitäten in der digitalen Rechenwolke Cloud, um drohende Epidemien frühzeitig zu erkennen. Entstehen soll auf diesem Weg ein weltumspannendes Seuchen-Frühwarn-Netzwerk.

          Wie die Forscher in einem Blogeintrag schreiben, beginnt das Projekt mit der modernen Form einer Mückenfalle: Entwickelt werden sollen autonome Drohnen, mit denen Mücken als Krankheitsüberträger effizient eingefangen werden können. Im zweiten Schritt soll mit molekularbiologischen Methoden ermittelt werden, ob die eingefangenen Mücken tatsächlich gefährliche Krankheiten in sich tragen. Um diese Analysen durchführen zu können, sind die Forscher von großer Rechenleistung abhängig - die folgerichtig über die Cloud abgerufen wird. Auf diese Weise entsteht einerseits das gewünschte Frühwarnsystem für Krankheiten, andererseits aber auch ein Vorbild für Möglichkeiten schneller und flexibler Datensammlung ohne den Einsatz von Menschen an entfernten Orten.

          Internetzugang per Ballon

          Dafür ist es natürlich erforderlich, dass es auf der ganzen Welt einen drahtlosen Internetzugang gibt. Das ist eines der Projekte von „Google X“, dem Google-Forschungslabor. Der Name Google X ist ein Wortspiel, wobei X für das Unbekannte steht. Für die Projekte auf der Suche nach einem großen Wurf gibt es bei Google einen eigenen Namen: „Moonshot“. Der Begriff verweist auf die Ankündigung John F. Kennedys zum Beginn der sechziger Jahre, bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu befördern. Zu den Projekten von Google X zählen unter anderem eine digitale Kontaktlinse zur Messung des Blutzuckerwertes und das „Project Loon“, mit dessen Hilfe überall auf der Welt ein Internetzugang per Ballon angeboten werden soll.

          Mittlerweile können die riesigen Ballons in Serie gefertigt und über einen Kran automatisch gestartet werden. Über sie sollen unerschlossene Regionen einen Internetzugang per LTE-Mobilfunkstandard erhalten. Dabei werden mit Helium gefüllte Ballons mit einem Technikpaket und Solarzellen an Bord in großer Höhe von 18 bis 25 Kilometern plaziert. Google kommt dabei offenbar schnell voran. Erst 2013 wurde das Projekt gestartet, und seitdem wurden dem Vernehmen nach erhebliche Fortschritte erzielt. Mit dem Projekt „Google Brain“ wiederum versucht Google die Neuronenverbindungen des menschlichen Gehirns nachzuahmen. Im Januar 2014 erwarb Google zur Verstärkung dieser Aktivitäten für 450 Millionen Dollar das britische Labor „Deep Mind“ für künstliche Intelligenz - auch dort arbeiten Menschen, die man sogar in Kinofilmen als Prototypen echter Nerds ansehen könnte. Sie wollen Maschinen so schnell wie möglich intelligenter als Menschen machen.

          Gegen so viel geballtes Wissen wird eines Tages das klügste menschliche Hirn wohl tatsächlich verlieren. Was das für die Arbeit der Zukunft bedeutet, vermag man sich heute noch gar nicht auszumalen. Und wie cool das dann wird, muss sich auch erst noch zeigen.

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