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Smarte Arbeit : Die Roboter ändern nicht die Bedürfnisse

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Roboter übernehmen gerade lästige Arbeiten. Und bringen Familie und Beruf besser unter einen Hut. Ein Interview.

          Frau Benner, wie sieht der Arbeitnehmer in der digitalen Zukunft aus?

          Der Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin der Zukunft sollten ein kreatives Arbeitsumfeld haben, sind sozial abgesichert, können Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren und in einem angstfreien Umfeld arbeiten. Der Arbeitsalltag besteht vor allem aus ansprechenden Aufgaben, weil monotone und langweilige Arbeiten durch Maschinen erledigt werden. Damit haben Beschäftigte mehr Freiräume für gute und kreative Arbeit.

          Ist die Digitalisierung der Arbeit aus Ihrer Sicht eher Bedrohung oder Segen?

          Ich sehe in erster Linie die Chancen. In der Produktion können durch robotergestützte Tätigkeiten ergonomischere Arbeitsplätze entstehen. Zwangshaltungen, Überkopfarbeiten, belastende Tätigkeiten können in Kombination mit moderner Robotik minimiert werden. Ich glaube, dass Beschäftigte künftig ganzheitlicher arbeiten können und dass wir damit wegkommen von der Taylorisierung der Arbeit, also der starken Taktung. Insgesamt kann zeit- und ortsunabhängiger gearbeitet werden. Auch können Hierarchien an Bedeutung verlieren. Außerdem kann Digitalisierung vielen Menschen helfen, überhaupt erst an Arbeit zu kommen, zu der sie vorher keinen Zugang hatten. Diese Vermittlung kann durch Plattformen im Internet verbessert werden. Aber all dies ist kein Selbstläufer. Es muss gestaltet werden.

          Wissenschaftler sehen durch die Digitalisierung auch den Fachkräftebereich gefährdet. Macht Sie die Bedrohung Ihrer Stammklientel nicht unruhig?

          Nein, denn die IG Metall tut was. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften wird in den kommenden Jahren nach unseren Analysen eher wachsen. Allerdings wird die Bedeutung von Weiterbildung der Berufstätigen ebenfalls zunehmen.

          Wir werden nicht am Spielfeldrand stehen und zugucken, sondern auch hier die Entwicklung gestalten. Ein erster Schritt ist das individuelle Recht auf Bildungsteilzeit, das wir in der vergangenen Tarifrunde mit den Arbeitgebern vereinbart haben. Fest steht: Wir müssen die Beschäftigten durch Qualifizierung auf die neue Arbeitswelt vorbereiten und zugleich die Arbeit so organisieren, dass keiner verlorengeht.

          Die IG Metall begrüßt die relativ unorganisierte Arbeitsvermittlung auf tariflosen Internetplattformen?

          Natürlich nicht. Im Gegenteil: Wir sehen bei Clickworkern ein großes Problem darin, dass die Macht sehr ungleich verteilt ist. Die Geschäftsbedingungen auf der Mehrheit dieser Plattformen sind rechtswidrig, jedenfalls grob unfair. Das heißt, wichtige Punkte wie das Recht auf geistiges Eigentum, prompte Bezahlung und klare Aufgabenstellung sind einseitig zum Nachteil der Menschen geregelt, die dort ihre Arbeit anbieten. Teilweise wird die Arbeit auch gar nicht bar bezahlt, in den Vereinigten Staaten bezahlt Amazon Mechanical Turk zum Teil in Gutscheinen. Es ist auch eine Aufgabe für den Gesetzgeber, Clickworker besser zu schützen. Wir geben als IG Metall auf unserer Website Faircrowdwork.org den Clickworkern die Gelegenheit, ihrerseits diese Plattformen zu bewerten.

          Die Digitalisierung verändert nicht nur die Wirtschaft. Wie sieht denn die „IG Metall 4.0“ aus?

          Wir können beides: Metall und digital. Wir werden uns auf einen neuen Beschäftigtentypus einstellen müssen und auf andere Formen von Arbeit. Wir müssen auf Wünsche der Menschen eingehen, die sagen, dass sie in der Zukunft anders und flexibler arbeiten. Viele wollen vielleicht nicht mehr jeden Tag ins Unternehmen gehen. Ich sehe uns auch als Zuhörende, die nicht stellvertretend für die Beschäftigten, sondern gemeinsam mit ihnen ihre Interessen vertreten. Da gibt es schon gute Betriebsvereinbarungen bei Bosch, BMW und VW. Gewerkschaften haben auch in einer digitalen Arbeitswelt eine wichtige Funktion. Jeder Arbeitnehmer will am Monatsende so viel Geld verdienen, dass man damit die Miete bezahlen und vielleicht eine Familie ernähren kann. Diese Bedürfnisse werden sich nicht durch Roboter und Algorithmen ändern.

          Das Gespräch führte Sven Astheimer.

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