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Digitalisierung in Audi-Werk : Hand in Hand

Am laufenden Band: Audi-Monteur Emil Betz ist mit dem Roboter Adam „vernetzt“. Bild: Andreas Müller

Ein Roboter, der fühlen kann, arbeitet mit Menschen zusammen. Angst, dass er sie einmal ersetzen wird, haben die Mitarbeiter bei Audi nicht. Warum eigentlich?

          Adam hat nur einen Arm, und an diesem Arm auch nur einen Finger. Aber Adam arbeitet mit diesem scheinbaren Handicap am Fließband des Ingolstädter Audi-Werks so präzise, dass er schnell die Akzeptanz seiner Kollegen gewonnen hat. Adam ist ein Roboter. Kein gewöhnlicher, denn wie sein Name vermuten lässt, ist er der erste seiner Art: Ein Roboter, der denkt und fühlt, der weiß, wann ein Teil am Montageband benötigt wird und wann er selbst gewartet werden muss. Und weil er nicht wie andere Maschinen in der Audi-Fabrik hinter Schutzzäunen untergebracht ist, sondern auf einem kleinen Tisch direkt am Band steht, haben ihm seine menschlichen Kollegen einen Namen gegeben.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          „Adam ist ein junger Kollege, aber schon sehr zuverlässig“, sagt Emil Betz. Er ist einer von 30 Mitarbeitern an jenem Montageabschnitt, an dem auch Adam eingesetzt wird. Seit 17 Jahren ist Betz bei Audi, hat als Lackierer begonnen und kam eines Tages in die Montagehalle, in der jetzt der Audi-Geländewagen Q5 und die Limousinen und Kombivarianten des nagelneuen A4 in drei Schichten vom Band laufen. Betz arbeitet an diesem Tag in der Frühschicht. Er baut Kühlmittelausgleichbehälter ein. Dazu hängt er die Bremsbefüllungsanlage aus, befestigt mehrere Kabel vom Leitungsstrang und bedient den Akkuschrauber. 30 bis 40 unterschiedliche Handgriffe in kurzer Zeit. Doch einen Handgriff und eine Entscheidung nimmt ihm Adam ab: Den Kühlmittelausgleichsbehälter, ein unförmiges, graues Plastikteil, reicht sein digitaler Doppelgänger an. Dabei weiß Adam, dass dieses Teil nur in die Autos mit Vierzylindermotor eingebaut wird, nicht aber in den Sechszylinder. Gleichmäßig läuft das Band, 35 Autos pro Takt. Reiht sich Vierzylinder an Vierzylinder, dann greift der orangefarbene Roboterarm in die Kiste, holt einen grauen Behälter heraus, schwenkt im Halbkreis wieder zurück und wartet, bis Emil Betz das Teil benötigt. Nähert sich ein Sechszylinder macht Adam Pause. Eine Kamera ist sein Auge, ein Saugnapf sein Finger.

          Menschenleere Fabriken sind längst keine Utopie mehr

          „Der Roboter stellt das richtige Teil für das richtige Auto bereit“, sagt Johann Hegel, Leiter der Technologieentwicklung in der Audi-Montage. „Es ist das Bücken, ein Handgriff und die Auswahl des richtigen Bauteils, die Adam dem Mitarbeiter abnimmt.“ Betz ist ein drahtiger Mann, der trotz seiner 54 Jahre noch sehr sportlich wirkt. Rückenprobleme sind für ihn kein Thema. Aber mit seiner Körpergröße von lediglich 1,63 Metern fällt es Betz nicht so leicht, an die unteren Kühlbehälter in der tiefen Kiste zu gelangen. Adam ist mit seinem 1,40 Meter langen Arm dafür prädestiniert. Der Arm ist mit einer weichen Schaumstoffmanschette überzogen. Darunter stecken zahlreiche Annäherungs- und Berührungssensoren. Sie machen Adam empfindlich für seine Umwelt - und ungefährlich für die Zusammenarbeit mit Emil Betz und dessen Kollegen. Deshalb muss Adam nicht wie andere Roboter in einem Käfig oder hinter einem Schutzzaun bleiben. Bislang ist er der einzige Roboter in der Montage. Weil die Erfahrungen mit ihm positiv sind, könnte Adam noch Karriere machen. „Wir untersuchen, wo wir bei Audi weitere Assistenz-Roboter einsetzen können“, sagt Technikleiter Hegel. Ideen dazu lotet sein Team gerade aus.

          Audi, die Premiummarke im Riesenreich des Volkswagen-Konzerns, will überall vorn mitmischen. Nicht nur die Autos sollen technologisch führend sein, sondern auch die Fertigung: Karosserien und Roboter, die miteinander sprechen, vernetzte Maschinen, die von allein arbeiten. Produktionsvorstand Hubert Waltl spricht von der „Smart Factory“. Es ist ein geflügeltes Wort in der Branche, die seit den frühen achtziger Jahren massenhaft Arbeitsplätze an Hochlohnstandorten abgebaut hat. Noch immer ist in der Automobilindustrie viel von Automatisierung die Rede. Nicht erst seit den Gerüchten um selbstfahrende Autos von Google und Apple scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann der Computer den Menschen ablöst. Rund um die Mobilität von morgen brechen sich schon heute neue Geschäftsmodelle Bahn, wird das Auto immer mehr zum rollenden Computer. Das Lenken mit Gestik und Mimik, das vernetzte und autonome Fahren sind die nächsten, gar nicht mehr allzu fernen Schritte in der Entwicklung der individuellen Mobilität. Der automobile Fortschritt, das lässt sich heute vorhersagen, wird von moderner Software geprägt sein, von Rechnern und Sensoren. Und das Bild menschenleerer Fabriken, seit jeher ein Albtraum für Arbeiter und Gewerkschafter, muss keine Utopie bleiben.

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