https://www.faz.net/-gqe-89der

Smart Farming : Big Data auf dem Bauernhof

Der Traktor fährt fern gesteuert über das Feld von Gut Derenburg. Der Mann im Cockpit kontrolliert die Daten. Bild: Klein, Nora

Der Traktor fährt allein, die Kühe lassen sich vom Roboter melken. So funktioniert Landwirtschaft heute. Genauen Daten sei Dank.

          Hier könnte eine Heimatschnulze spielen: ein alter Gutshof, Pferde auf einer Koppel, mildes Vorabendlicht. Der Blick geht weit über die Felder, die bis zum Harz mit seinen bewaldeten Hängen reichen. In der Scheune stehen noch die Bänke und Tische vom Erntedankfest.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oder ist es Science-Fiction? Der Gutsherr sitzt vor einem Computerbildschirm. Aus dem Labor laufen die Ergebnisse der jüngsten Bodenproben ein. Durch die Luft schwirren Drohnen, die das Gelände mit ihren Kameras aufnehmen. Und der Traktor fährt ferngesteuert über den Acker.

          Landwirtschaft anno 2015

          Es ist Landwirtschaft anno 2015, also von beidem etwas. Wovon manche Autofahrer träumen, das ist auf Gut Derenburg in Sachsen-Anhalt jedenfalls schon längst möglich. Die Hände vom Lenkrad nehmen, die Konzentration auf die Kontrollbildschirme im Cockpit richten, das Lenken dem Computer überlassen. Schnurgerade zieht der Traktor die vier Meter breite Drillmaschine hinter sich her über das Rapsfeld am Rand der Magdeburger Börde, Reihe für Reihe exakt parallel, mit geringstmöglicher Überschneidung.

          Drei verschiedene Displays zeigen an, mit welcher Leistung der Traktor unterwegs ist, wie viel Saatgut je Hektar das Gebläse gerade ausbringt, wie groß die noch zu bearbeitende Ackerfläche ist. Nur der Steckplatz für den USB-Stick, von dem früher die Kartendaten eingelesen wurden, wird nicht mehr genutzt. Das Datenpaket hat Klaus Münchhoff, der Seniorchef auf Gut Derenburg, dem Traktor früh am Morgen aus dem Büro per E-Mail geschickt.

          Auf rund 1000 Hektar baut Münchhoff Raps, Gerste und Weizen an. Sein Hof ist damit einer der großen in der Republik. Und einer der modernsten. Denn Klaus Münchhoff sammelt Daten. Die wenigsten Landwirte wissen so genau über ihr Land Bescheid wie er. Münchhoff hat mit Drohnen Luftbilder von den vierzig Ackerflächen seines Betriebs machen lassen, Spezialisten haben die elektrische Leitfähigkeit des Bodens gemessen. Er hat jedes seiner Felder, die rund um das Städtchen Derenburg liegen, in bis zu hundert kleinere Flächen unterteilt, weil die Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit auch auf ein und demselben Ackerschlag so groß sind. Schließlich hat Münchhoff für jede dieser Teilflächen Hunderte von Messwerten zu digitalen Karten zusammengesetzt: Infrarotaufnahmen, Biomasseverteilung, Düngezyklen.

          „Autos finden die Straße, Traktoren die Parklücke“

          Rund 9000 verschiedene Datensätze liegen nun auf der Festplatte, zusammen sind sie rund drei Gigabyte groß. Der Aufwand dafür war groß, billig war es nicht. Aber Klaus Münchhoff ist sicher, dass es sich lohnt. Denn nur mit diesen Karten, sagt er, kann er die Präzision der modernen Maschinen voll nutzen, für die er auch schon viel Geld ausgegeben hat. Nur so wird, anders ausgedrückt, aus Gut Derenburg der Bauernhof 4.0.

          Denn die selbstfahrenden Traktoren, die sind heute in jedem Großbetrieb Standard, Modelle ab 200 PS werden ohne Fahrsystem kaum mehr ausgeliefert. Damit sie genauer als mit dem herkömmlichen GPS-Signal in der Spur bleiben, sind in den vergangenen zwanzig Jahren über das ganze Land verteilt Spezialsender aufgestellt worden.

          Sie sind – neben der im Vergleich zur Autobahn geringeren Durchschnittsgeschwindigkeit und Verkehrsdichte auf dem Acker – der entscheidende Vorteil, den Traktoren gegenüber Autos beim Selbstfahren haben. Zwei Zentimeter Abweichung gelten unter Landmaschinenfreunden gerade noch als hinnehmbar. Beim gewöhnlichen GPS sind es im besten Fall fünf Meter, meistens deutlich mehr. Sensortechnik, Elektronik und Software machen bei Landmaschinen nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure heute rund 30 Prozent der Wertschöpfung aus. Zum Vergleich: In der Autobranche, die so sehr vom angeblich bevorstehenden Durchbruch zum automatischen Fahren schwärmt, liegt diese Quote erst bei 10 Prozent. „Autos finden die Straße, Traktoren die Parklücke“, bringen Fachleute den Unterschied auf den Punkt.

          Weitere Themen

          Wie China zur Industrie-Supermacht werden will Video-Seite öffnen

          Asien in Zahlen – Teil 3 : Wie China zur Industrie-Supermacht werden will

          China will zu den stärksten Wirtschaftsmächten der Welt aufschließen. Die Regierung hat deshalb einen ambitionierten Plan aufgelegt, der das Land auch technologisch an die Spitze bringen soll. Im Rest der Welt ist „Made in China 2025“ umstritten.

          Neues Angebot für die Deutsche Bahn Video-Seite öffnen

          Im Tarifstreit : Neues Angebot für die Deutsche Bahn

          Nach dem bundesweiten Streik zu Wochenbeginn ringen die Deutsche Bahn und die Gewerkschaften weiter um eine Einigung im Tarifstreit für die 160.000 Beschäftigten. Nun soll ein neues, verbessertes Angebot vorgelegt werden.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.