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Skandalsommer in der Finanzbranche : Verfall im Bankenviertel

Eines der Zentren der weltweiten Finanzwirtschaft: Bankenviertel Canary Wharf in London Bild: dapd

Banker wetten gegen Kunden, waschen Geld und drehen am Zins. Aber wo sie sich verzockt haben, wurden sie mit Staatsgeld gerettet. Was ist bloß in die Leute gefahren?

          5 Min.

          Keine Woche vergeht, ohne dass ein neuer Bankenskandal für Schlagzeilen sorgt. Die Schweizer UBS soll Kunden in Deutschland zur Steuerhinterziehung verführt und eigens entsprechende Schulungsunterlagen für ihre Berater entworfen haben. Die englische Bank Standard Chartered steht im Verdacht, in illegale Finanzgeschäfte mit Iran verwickelt zu sein - sie könnte damit die Sicherheitsinteressen des Westens gefährdet haben. Und HSBC, nach Bilanzsumme die größte Bank Europas, hat offenbar über Jahre hinweg mexikanischen Drogenbaronen bei der Geldwäsche geholfen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Banker sind von der Rolle. Die weitesten Kreise ziehen derzeit die Ermittlungen um die Manipulation des Bankenzinses Libor. Mehr als ein Dutzend Banken sollen diesen Referenzzins für Kredite, Sparprodukte und Wertpapiere überall auf der Welt künstlich nach oben und unten getrieben haben - ganz wie es ihnen für ihre Geschäfte passte. Selbst Mitarbeiter der Deutschen Bank stehen im Verdacht, beteiligt gewesen zu sein.

          Die Banker werden stigmatisiert

          Der Fall ist tricky: Selbst Menschen, die überhaupt keine Geschäftsbeziehung mit der jeweiligen Bank hatten, können unter der Zinsmanipulation gelitten haben: weil die Zinsen ihres Hauskredits, ihres Sparkontos oder ihres Wertpapiers an den Libor als Referenzzins gekoppelt waren. Nicht mehr der dumme Kunde, der ein Bankprodukt nicht verstanden hat, ist das Opfer der Banken. Sondern unbeteiligte Dritte.

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          Banker auf der Anklagebank : Die Köpfe einer Branche

          Gibt es einen Zusammenhang zwischen den vielen Fällen? Warum sind es immer wieder die Banker, die alle Welt an Kapitalismus und Marktwirtschaft verzweifeln lassen? Häufig zu hören ist: Weil die Aufsichtsbehörden sich seit der Finanzkrise weltweit in einem Wettlauf darum befinden, Bankenskandale aufzudecken. Besonders in Amerika, wo sich gleich mehrere Behörden um den Titel des brutalstmöglichen Aufklärers bewerben, will man Schuldige bestraft sehen. Entsprechend wurden die Aktivitäten der Aufsichtsbehörden erheblich ausgeweitet. Justitia freut’s.

          Doch diese Antwort ist zu schlicht. Wichtiger noch ist: Die Banker werden stigmatisiert. Aber die Banken werden ständig gerettet. Es rächt sich, dass die reinigende Kraft der Krise außer Kraft gesetzt wurde. Überall auf der Welt schrumpfen Banken zwar - aber sie verschwinden nicht aus dem Markt. Der in einer Marktwirtschaft normale Prozess, dass gescheiterte Unternehmen abtreten, ist blockiert: Wo sich Banker verzockt haben, wurden sie mit Staatsgeld gerettet. Zudem sorgt die Geldflut der Europäischen Zentralbank dafür, dass Banken am Leben erhalten werden, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte.

          Die Banken haben fürstlich bezahlt

          Die spanische Bankia ist so ein Fall. Obwohl die Bank mit Milliarden vom Staat gerettet werden musste und sie Spanien immer tiefer in den Schuldensumpf zog, stopften die Verantwortlichen sich die Taschen voll. Für Empörung im Land sorgte vor allem die Millionenabfindung für Bankpräsident Rodrigo Rato, der seinen Abschied mit einer ausgelassenen Party feierte. Ein Skandal: Denn die anderen Euroländer mussten für Spaniens Banken einspringen.

          Vor allem die großen Banken wussten, dass die Staaten sie nicht würden fallen lassen können („Too big to fail“). Und gingen deshalb besonders hohe Risiken ein. Auf 34 Milliarden Dollar im Jahr haben Analysten die Extrarendite aus diesen riskanten Geschäften allein für die 18 größten Banken der Welt geschätzt - 1,8 Milliarden für jede.

          Die Aufblähung des Finanzsektors hatte Auswirkungen auch auf die Rekrutierung von Mitarbeitern, wie Untersuchungen der Ökonomen Stephen Cecchetti und Enisse Kharroubi von der Internationalen Bank für Zahlungsausgleich zeigen. Die Banken gewannen außergewöhnlich viele hochqualifizierte junge Mitarbeiter. Und sie haben sie fürstlich bezahlt. Die guten Verdienstmöglichkeiten zogen besonders tüchtige Leute an - aber offenbar auch solche, die beim Geldverdienen recht rücksichtslos vorgingen.

          Verschärfung der Vorschriften für die Eigenkapitalausstattung

          Viele Politiker verlangen jetzt strengere Regeln für die Banken. Das Thema könnte sogar - neben dem Euro - den nächsten Bundestagswahlkampf beherrschen.

          Strengere Regulierung fordert sich leicht - so richtig weiß aber keiner, was die beste Regulierung ist. Denn die Finanzindustrie war immer schon eine der am stärksten regulierten Branchen überhaupt. Vielleicht aber ging die Regulierung bisweilen in die falsche Richtung? So gibt es strenge Vorschriften, dass Banken für ihre Risiken Eigenkapital vorhalten müssen. Die Idee ist, dass Banken einen Puffer für mögliche Ausfälle haben sollen. Zugleich soll diese Vorschrift die Möglichkeit einer Bank, Risiken einzugehen, nach oben begrenzen. Ausgerechnet aber für europäische Staatsanleihen gibt es eine Ausnahme: Für sie muss kein Eigenkapital vorgehalten werden. So musste viel Eigenkapital für Kredite an kleine Unternehmen gehalten werden - und nichts für Kredite an südeuropäische Staaten.

          Die Verschärfung der Vorschriften, für alle Risiken Eigenkapital zu halten, ist die wichtigste Regulierung, die jetzt in vielen Ländern auf den Weg gebracht wurde. Clemens Fuest, Ökonom in Oxford und Mitglied im Beirat des Bundesfinanzministeriums, hält das auch für den besten Weg, die Probleme zu lösen. „Aus meiner Sicht ist die Kapitalausstattung der Banken der entscheidende Punkt“, sagt er. „Wenn Banken die Risiken, die sie eingehen, hinreichend mit Eigenkapital absichern, erledigen sich andere Eingriffe.“

          Hierzulande „wohl nur für die Deutsche Bank relevant“

          Andere denken da radikaler. Für Aufsehen sorgte unlängst der Chef des Rückversicherungskonzerns Munich Re, Nikolaus von Bomhard. Er sagte: „Ich bin ein Anhänger des Trennbankensystems.“ Was er meinte: In Amerika gab es früher eine Vorschrift, dass Investmentbanken und Geschäftsbanken strikt voneinander getrennt zu sein hatten. „Glass-Steagall Act“ hieß das entsprechende Gesetz, benannt nach einem Senator und einem Kongressabgeordneten. In der Politik, auch in Deutschland, kokettieren im Augenblick viele damit, so etwas wieder einzuführen.

          Die Idee: Wenn man die Investmentbank, die hohe Risiken eingeht, von der Geschäftsbank trennt, bei der die Sparer ihre Guthaben anlegen, könnte die Politik die Investmentbank pleitegehen lassen, ohne dass die Gelder der Sparer gefährdet wären.

          „Für Deutschland wäre das ja wohl nur für die Deutsche Bank relevant“, sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor in Darmstadt. Sie sei die einzige Bank hierzulande, die groß genug sei und ausreichend stark im Investmentbanking engagiert, dass eine solche Regelung für sie in Erwägung gezogen werden könnte. „Man kann das machen - muss sich aber gut überlegen, was die Kosten und der Nutzen wären.“

          Ganz so einfach ist das Problem nicht zu lösen

          Eine große globale Bank, die Investmentbanking und Einlagengeschäft verbinde, habe nämlich viele Vorteile, sagt Schiereck: Die deutsche Exportwirtschaft habe einen Partner, der sie in viele Länder begleitet. „Die Unternehmen haben mit der Bank einen Experten, der ihnen Teile ihres Risikos abnimmt.“ Etwa die Schwankungen von Währungen und Zinsen, die Unsicherheit des Ölpreises, aber auch Risiken bei der Plazierung von Anleihen.

          Auf der anderen Seite stellt eine Bank, die im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft sehr groß ist, immer auch eine Gefahr dar. „Das ist in der kleinen Schweiz mit der UBS und der Credit Suisse sicher noch stärker der Fall als in Deutschland mit der Deutschen Bank“, meint Bankenprofessor Schiereck. „Darum sind die Bemühungen auf dem Gebiet in der Schweiz auch weiter gediehen als hierzulande.“

          Bislang ist allerdings überhaupt nicht bewiesen, dass man Banken in Ruhe pleitegehen lassen kann, wenn Investmentbanken und Geschäftsbanken sauber voneinander getrennt sind. Zahlreiche Verbindungen gibt es schließlich auch dann zwischen Banken. Und es ist auch dann nicht auszuschließen, dass sich andere Banken anstecken, wenn eine Bank kippt. „Separate kleinere Einheiten hätten aber nicht mehr die systemische Relevanz einer großen Bank“, meint Bankenprofessor Schiereck. Von einer einzigen Bank hinge nicht mehr das ganze Finanzsystem ab.

          Bestes Gegenbeispiel sind allerdings Lehman Brothers: Die Bank war eine reine Investmentbank. Trotzdem geriet die Welt in einen Abschwung, als Lehman kippte. Ganz so einfach ist das Problem also offenbar nicht zu lösen.

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