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Skandalsommer in der Finanzbranche : Verfall im Bankenviertel

Strengere Regulierung fordert sich leicht - so richtig weiß aber keiner, was die beste Regulierung ist. Denn die Finanzindustrie war immer schon eine der am stärksten regulierten Branchen überhaupt. Vielleicht aber ging die Regulierung bisweilen in die falsche Richtung? So gibt es strenge Vorschriften, dass Banken für ihre Risiken Eigenkapital vorhalten müssen. Die Idee ist, dass Banken einen Puffer für mögliche Ausfälle haben sollen. Zugleich soll diese Vorschrift die Möglichkeit einer Bank, Risiken einzugehen, nach oben begrenzen. Ausgerechnet aber für europäische Staatsanleihen gibt es eine Ausnahme: Für sie muss kein Eigenkapital vorgehalten werden. So musste viel Eigenkapital für Kredite an kleine Unternehmen gehalten werden - und nichts für Kredite an südeuropäische Staaten.

Die Verschärfung der Vorschriften, für alle Risiken Eigenkapital zu halten, ist die wichtigste Regulierung, die jetzt in vielen Ländern auf den Weg gebracht wurde. Clemens Fuest, Ökonom in Oxford und Mitglied im Beirat des Bundesfinanzministeriums, hält das auch für den besten Weg, die Probleme zu lösen. „Aus meiner Sicht ist die Kapitalausstattung der Banken der entscheidende Punkt“, sagt er. „Wenn Banken die Risiken, die sie eingehen, hinreichend mit Eigenkapital absichern, erledigen sich andere Eingriffe.“

Hierzulande „wohl nur für die Deutsche Bank relevant“

Andere denken da radikaler. Für Aufsehen sorgte unlängst der Chef des Rückversicherungskonzerns Munich Re, Nikolaus von Bomhard. Er sagte: „Ich bin ein Anhänger des Trennbankensystems.“ Was er meinte: In Amerika gab es früher eine Vorschrift, dass Investmentbanken und Geschäftsbanken strikt voneinander getrennt zu sein hatten. „Glass-Steagall Act“ hieß das entsprechende Gesetz, benannt nach einem Senator und einem Kongressabgeordneten. In der Politik, auch in Deutschland, kokettieren im Augenblick viele damit, so etwas wieder einzuführen.

Die Idee: Wenn man die Investmentbank, die hohe Risiken eingeht, von der Geschäftsbank trennt, bei der die Sparer ihre Guthaben anlegen, könnte die Politik die Investmentbank pleitegehen lassen, ohne dass die Gelder der Sparer gefährdet wären.

„Für Deutschland wäre das ja wohl nur für die Deutsche Bank relevant“, sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor in Darmstadt. Sie sei die einzige Bank hierzulande, die groß genug sei und ausreichend stark im Investmentbanking engagiert, dass eine solche Regelung für sie in Erwägung gezogen werden könnte. „Man kann das machen - muss sich aber gut überlegen, was die Kosten und der Nutzen wären.“

Ganz so einfach ist das Problem nicht zu lösen

Eine große globale Bank, die Investmentbanking und Einlagengeschäft verbinde, habe nämlich viele Vorteile, sagt Schiereck: Die deutsche Exportwirtschaft habe einen Partner, der sie in viele Länder begleitet. „Die Unternehmen haben mit der Bank einen Experten, der ihnen Teile ihres Risikos abnimmt.“ Etwa die Schwankungen von Währungen und Zinsen, die Unsicherheit des Ölpreises, aber auch Risiken bei der Plazierung von Anleihen.

Auf der anderen Seite stellt eine Bank, die im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft sehr groß ist, immer auch eine Gefahr dar. „Das ist in der kleinen Schweiz mit der UBS und der Credit Suisse sicher noch stärker der Fall als in Deutschland mit der Deutschen Bank“, meint Bankenprofessor Schiereck. „Darum sind die Bemühungen auf dem Gebiet in der Schweiz auch weiter gediehen als hierzulande.“

Bislang ist allerdings überhaupt nicht bewiesen, dass man Banken in Ruhe pleitegehen lassen kann, wenn Investmentbanken und Geschäftsbanken sauber voneinander getrennt sind. Zahlreiche Verbindungen gibt es schließlich auch dann zwischen Banken. Und es ist auch dann nicht auszuschließen, dass sich andere Banken anstecken, wenn eine Bank kippt. „Separate kleinere Einheiten hätten aber nicht mehr die systemische Relevanz einer großen Bank“, meint Bankenprofessor Schiereck. Von einer einzigen Bank hinge nicht mehr das ganze Finanzsystem ab.

Bestes Gegenbeispiel sind allerdings Lehman Brothers: Die Bank war eine reine Investmentbank. Trotzdem geriet die Welt in einen Abschwung, als Lehman kippte. Ganz so einfach ist das Problem also offenbar nicht zu lösen.

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