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Skandal um Zinsmanipulation : Barclays-Chef Diamond tritt zurück

  • -Aktualisiert am

Barclays-Chef Bob Diamond tritt zurück Bild: REUTERS

Der Skandal um Manipulationen auf dem Interbankenmarkt hat für die britische Großbank Barclays abermals personelle Konsequenzen. Nach dem Verwaltungsratschef ist auch Barclays-Chef Bob Diamond zurückgetreten. Ermittlungen gegen weitere Banken, darunter auch die Deutsche, laufen noch.

          Die Londoner Finanzszene hat einen neuen Bösewicht: Bob Diamond, den Vorstandsvorsitzenden von Barclays. Im Zusammenhang mit einem weltweiten Zinsskandal ist Barclays-Chef Bob Diamond mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Dies kündigte die drittgrößte britische Bank am Dienstagmorgen an. Am Montag hatte bereits der Chef des Barclays-Verwaltungsrats, Marcus Agius, seinen Rückzug angekündigt.

          Der scheidende Agius soll nun die Suche nach einem Nachfolger für Diamond leiten. Barclays-Aktien verloren in London zunächst mehr als drei Prozent, drehten dann aber ins Plus und lagen im frühen Geschäft rund zwei Prozent höher.

          Der externe Druck auf Barclays habe ein Niveau erreicht, das für den Ruf schädlich zu werden drohe, erklärte Diamond. Er stand heftig in der Kritik, auch nach dem Rückzug von Agius. „Diamond ist der meistgehasste Banker der City“, wetterte die „Times“ am Wochenende. „Außerdem ist er Amerikaner und hat zu viel Geld.“

          Die britische Regierung begrüßte die Entwicklung. Finanzminister George Osborne sagte, dies sei eine richtige Entscheidung für Barclays.

          Bevor er Anfang 2011 zum Vorstandschef aufrückte, war Diamond der „Master of the Universe“ an der Wall Street, als er das Investmentbanking Barclays Capital über Jahre mit harter Hand führte. Er verweigerte damals zusammen mit seinem Amtsvorgänger John Varley die rettende Hand des Staates und brüskierte die Aktionäre mit einer Kapitalaufnahme aus dem Mittleren Osten zu Sonderkonditionen. Diamond war der erste Banker, der mahnte, jetzt sei es genug mit all den Entschuldigungen der Banker. Seine Siegerpose auf dem Chefsessel von Barclays ist in der City ebenso berüchtigt wie einst das Siegeszeichen von Josef Ackermann vor dessen Mannesmann-Prozess.

          Jetzt muss sich der 61 Jahre alte Investmentbanker trotzdem entschuldigen, und zwar für den Libor-Skandal in seinem Hause. Strafen von 290 Millionen Pfund muss die Bank dafür zahlen, dass ihre Händler jahrelang versuchten, den Interbankensatz Libor zu beeinflussen, möglicherweise in vielen Fällen mit krimineller Marktmanipulation. Schon zuvor hat Diamond für Negativschlagzahlen für Barclays gesorgt. Aggressive „Steuersparmodelle“ von Barclays erweckten bereits im Frühjahr den Eindruck, dem Amerikaner gehe es an der Spitze der Bank darum, die Boni kräftig zu steigern, und weniger um solide strategische Politik.

          Fanatischer Tennisspieler mit flotten Sprüchen

          Diamond wurde in Massachusetts als eines von neun Kindern geboren. Seine Eltern waren Lehrer, er wechselte nach einer akademischen Laufbahn in die Finanzwelt, stieß nach einer Tätigkeit bei Morgan Stanley und Credit Suisse 1996 zur BZW-Bank und führte das Investmentbanking von Barclays fast 14 Jahre unter Führung von Konzernlenker Varley. Als Chef des Vorstands verfügt er über ein Vermögen von gut 100 Millionen Dollar, spielt in Londons vornehmem Queens-Club fanatisch Tennis und eckt mit flotten Sprüchen immer wieder an.

          Das forsche Verhalten von Diamond rächt sich in einer Zeit, in der Banker eigentlich Demut zu demonstrieren haben. „Ich übernehme hier letztlich die Verantwortung“, sagte Verwaltungsratsvorsitzende Marcus Agius am Montag. Dem stillen Hintergrund-Banker mit Halbtags-Aufsichtsratsposten wird vorgeworfen, dass er den Vorstandschef nicht in seine Schranken verwiesen habe.

          Finanzausschuss untersucht den Fall am Mittwoch

          Am Mittwoch soll Diamond vor dem parlamentarischen Finanzausschuss Rede und Antwort stehen. „Das müssen wir über uns ergehen lassen. Erst wenn wir alle den Kniefall geübt haben, wird sich die Branche wieder berappeln. Im Mittelalter hätte man uns auf dem Marktplatz an den Pfahl gebunden und mit Tomaten beworfen“, beschreiben Barclays-Manager das Ritual.

          Nicht jeder möchte mit Tomaten beworfen werden, vor allem nicht die Vertreter der Bank von England oder des Schatzamtes. Wer in den Archiven blättert, erkennt, dass die Aufregung über den Libor sehr fadenscheinig ist. Die Aussagekraft des Libor war lange Zeit so schwach, dass der britische Bankenverband 2008 zur Reform des Libor aufrief. Jetzt von der Bank von England zu behaupten, sie habe nichts von Ungereimtheiten beim Libor gewusst, ist bemerkenswert. Als 2008 der Interbankenmarkt austrocknete, schossen die Libor-Sätze in die Höhe. Es war Diamond, der von der Bank von England forderte, den Geldhäusern mehr Liquidität zuzuteilen, was von deren Gouverneur Mervyn King jedoch abgelehnt wurde. Diamond lobte damals demonstrativ die Liquiditätshilfe der EZB und der Federal Reserve.

          Als die Banken, also auch Barclays, die Zinssenkung der Bank von England nicht an den Markt weitergaben mit Verweis auf den hohen Libor, gab es einen handfesten Krach zwischen dem britischen Schatzamt und den Chefs der Banken, auch Diamond. Ende Oktober 2008 stellte Paul Tucker, der stellvertretende Gouverneur der Bank von England, Diamond am Telefon zur Rede, warum Barclays höhere Libor-Sätze meldete als die Konkurrenz. Nach diesem Telefonat gab es wohl bankintern die Weisung an die Libor-Abteilung, niedrigere Sätze zu quotieren. Diamond macht heute einen Rückzieher in der Öffentlichkeit und sagt, die Händler hätten wohl falsch verstanden, dass dies im Sinne der Bank von England gewesen sei. Tucker wird als künftiger Gouverneur der Bank von England gehandelt. Und damit dürfte auch klar sein, wer auf dem Marktplatz zu stehen hat und mit Tomaten beworfen wird.

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