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Tobias Piller (tp.)

Kommentar : Europa und der Mezzogiorno

  • -Aktualisiert am

Wäre Sizilien ein eigenständiger Staat, er stünde schlechter da als Griechenland heute. Italien steht dem ratlos gegenüber.

          3 Min.

          Wo liegt die Region, in der weniger als 40 Prozent der Bevölkerung Arbeit haben, unter den Jugendlichen sogar nur jeder Zehnte? In welcher Gegend sind die privaten Investitionen in sieben Jahren um die Hälfte geschrumpft, die Pläne für die öffentlichen Ausgaben jedes Jahr um zehn oder 20 Prozent überschritten worden, während wackelige Regierungen keine Reformen zustande bringen und die fähigsten Nachwuchskräfte zu Tausenden auswandern? Es ist Italiens Griechenland, die Insel Sizilien.

          Wäre Sizilien ein eigenständiger Staat, hätte er die Hälfte der Einwohner Griechenlands, knapp die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts – und stünde noch schlechter da als Griechenland heute. Denn Siziliens politische Elite wehrt sich immer noch gegen jede Modernisierung. Derweil deckt die Regierung in Rom immer wieder die Finanzlücken. Doch manche römischen Politiker überlegen, ob sie nicht lieber einen staatlichen Konkursverwalter schicken sollten.

          Italien steht seinem Mezzogiorno genauso ratlos gegenüber wie Europa dem Problemfall Griechenland. Hoffnungsvoll stimmt das nicht, denn Süditalien liegt in seiner wirtschaftlichen Entwicklung schon seit hundert Jahren hinter dem Norden zurück. Da helfen auch keine Legenden darüber, dass der Norden nach der Einigung Italiens 1861 mit seiner politischen Macht die wirtschaftliche Entwicklung Süditaliens behindert habe. Näher an der Wahrheit liegt vermutlich die Erklärung, dass der Süden in einem vereinigten Markt nicht konkurrenzfähig war.

          Hilfsprogramme ohne jede Wirkung

          Die klagenden Worte, die vor wenigen Tagen vom römischen Forschungsinstitut für Süditalien „Svimez“ kamen, klingen uralt: „Süditalien riskiert einen Zustand dauerhafter Unterentwicklung, während die soziale Not zunimmt.“ Wegen solcher Klagen haben italienische Regierungen im Süden Staatsunternehmen angesiedelt oder mit Hilfe von Zuschüssen private Autofabriken, Stahlwerke, Chemieanlagen und Raffinerien dorthin gelockt. Sie erwiesen sich als Kathedralen in der Wüste mit geringen Überlebenschancen. Großzügige Milliardenhilfen aus europäischen Hilfsprogrammen wurden in den Süden gelenkt. Sie haben nichts bewirkt.

          Nennenswerte Gründe gibt es dafür nicht. Die Randlage in Europa zählt nicht mehr, weil Transportkosten und Urlaubsflüge so günstig geworden sind. Sizilien hat 1731 Kilometer Meeresküste, sieben Stätten des Weltkulturerbes. Doch der Tourismus ist unterentwickelt. Tomaten wachsen dort schon im Februar, aber das Gemüse in Mitteleuropa kommt aus Gewächshäusern der Niederlande.

          Die Suche nach den Ursachen für die wirtschaftliche Rückständigkeit des Mezzogiorno führt – wie in Griechenland – zu den Institutionen. Im Norden Italiens hatte die sogenannte „Halbpacht“ in der Landwirtschaft auch unternehmerische Köpfe gefördert. Denn die Bauern mussten nur die Hälfte ihrer Gewinne als Pacht abgeben, mit der anderen Hälfte waren sie am Gewinn ihrer Aktivitäten beteiligt. Persönlicher Einsatz lohnte sich also seit Jahrhunderten. Kein Wunder, dass in den gleichen Gegenden viele erfolgreiche Netzwerke von Kleinunternehmen entstanden. Anders im Süden: Dort war die Landwirtschaft geprägt von großen Latifundien. Die adeligen Grundbesitzer waren meist an Wirtschaftsfragen wenig interessiert und ihre Knechte waren noch weniger motiviert. Grundlagen für unternehmerisches Denken wurden auf diese Weise nicht gelegt.

          Seuchengefahr

          Ähnlich gegensätzlich entwickelte sich auch die Einstellung der Italiener zu ihrem Staatswesen. Die Epochen, in denen die Städte des Nordens oder der Toskana weitgehend unabhängig und selbstverwaltet waren, erzeugten Bürgersinn und Verantwortungsbewusstsein. Der Süden erlebte staatliche Autorität dagegen nur als Folge von Besatzungsmächten, denen es zu widerstehen galt. Die Süditaliener perfektionierten schließlich ein System, mit dem die Strukturen des Staatswesens unterwandert wurden, um es für eigene Interessen zu benutzen und auszubeuten – die Klientelwirtschaft.

          Diese Prägung erweist sich bis heute als fatal. Im Süden Italiens fehlt, wie teils auch anderswo in Südeuropa, noch immer der Bürgersinn. Politiker und Parteien interessieren sich weniger für das Allgemeinwohl und mehr für die Pfründe der eigenen Seilschaft. In Süditalien leben ein Drittel der italienischen Wähler, weshalb deren Vertreter in Rom genügend Einfluss haben, um dort ihre Macht auszuweiten. In einem solchen System der Ausbeutung können sich unternehmerische Initiativen nur schwer entwickeln. Wie in Entwicklungsländern gibt es weniger Gelegenheit für privaten Unternehmergeist, geringere Gewinnaussichten und höhere Kosten. Bessergestellt sind diejenigen, die sich mit der Klientel arrangieren, doch von ihnen werden keine Unternehmen geschaffen, die auf dem Weltmarkt konkurrieren können.

          Das System des Südens wirkt nicht nur als Wachstumsblockade, es ist auch ansteckend wie eine Seuche. In Europa bremst die Vorherrschaft des Klientelwesens nicht nur Italien, sondern auch Griechenland. Gleichwohl wünscht sich der griechische Ministerpräsident Tsipras, auch in Brüssel mögen die südeuropäischen Regierungsmethoden Einzug halten.

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

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