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Sinkende Ölnachfrage : Auf Nimmerwiedersehen, Ölkrisen

Ölfeld Rühle bei Rühlertwist (Niedersachsen) Bild: dpa

Hundert Jahre lang war die Wirtschaft nirgendwo so angreifbar wie beim Öl. Doch nun ist der Ölpreis durch erneuerbare Energieträger nicht mehr so anfällig. Ab 2030 könnte der Ölverbrauch auf der ganzen Welt sinken. Eine Analyse.

          3 Min.

          Ob Edwin Drake genau wusste, was er da anrichtete? Im Jahr 1859 erschloss er mit einer Bohrung die erste Ölquelle in den Vereinigten Staaten. Das schwarze Gold wurde bald zu einem der wichtigsten und auch wertvollsten Güter der Welt. Zuerst wurde es nur für Öllampen gebraucht, später liefen ganze Elektrizitätswerke damit. Autos, Schiffe und Flugzeuge rührten sich länger als 100 Jahre lang keinen Steinwurf weit ohne Öl oder seine raffinierten Endprodukte. In Fabriken lief kein Fließband ohne das schwarze Gold, Heizungen blieben kalt.

          Franz Nestler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Daher war die Wirtschaft nirgendwo so angreifbar wie beim Öl. Das fanden die Gegner der westlichen Welt schnell heraus: Da ein Großteil der leicht förderbaren Reserven eben nicht dort lag, sondern im Nahen Osten, setzten die Länder das Erdöl mit Vorliebe als Waffe ein – erinnert sei nur an die Ölkrisen der 70er-Jahre. Auch der Markt reagierte stets äußerst empfindlich auf das Weltgeschehen. Kriege und Krisen führten stets zu steigenden Preisen. Derzeit aber ist es am Ölmarkt ruhig. Der Ölpreis pendelt seit etwa vier Jahren um die Marke von 110 Dollar.

          Dabei brennt heute der gesamte Nahe Osten. In Israel hat der Krieg mit der Hamas eine neue Eskalationsstufe erreicht. Syrien kann man mit seinem größenwahnsinnigen Machthaber Baschar al Assad als gescheiterten Staat bezeichnen. Ein Übriges tut die Terroristengruppe „Islamischer Staat“ dazu, die sowohl dort als auch im Irak – dem sechstgrößten Erdölproduzenten –für Chaos und Schrecken sorgt. In der Ukraine führt Russland mutmaßlich einen Stellvertreterkrieg. In Nigeria, auch ein Opec-Land, grassiert die Angst vor dem Ebola-Virus. Früher wären das alles Gründe für einen rasant steigenden Ölpreis gewesen. Und heute hält er sich auf einem niedrigen Niveau bei knapp über 100 Dollar. Warum ist das so? Auf der Spurensuche kommt man nicht an den Vereinigten Staaten vorbei.

          Seit dem Jahr 2008 ist die Produktion dort um 3 Millionen Barrel je Tag gestiegen, auf nun 8,5 Millionen. So viel Öl wurde dort zuletzt vor 28 Jahren gefördert. Doch damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Schon im kommenden Jahr werden laut der Internationalen Energieagentur (IEA) 9,28 Millionen Barrel aus dem Boden geholt werden – Tag für Tag. Das liegt am Fracking, einer Fördertechnik, mit der Öl und Gas aus dem Gestein mit Hilfe eines Chemikaliengemisches herausgelöst werden. Dadurch konnte die größte Wirtschaftsnation ihre Abhängigkeit vom Erdöl radikal reduzieren. Rund 26 Prozent weniger Erdöl werden heute importiert als noch vor einem Jahr – Tendenz weiter fallend. Diese fehlenden Einfuhren stehen automatisch anderen Ländern zur Verfügung. Damit wird Druck vom Erdölmarkt genommen.

          Das merkt nun auch die Organisation Erdöl exportierender Länder, kurz Opec. Lange Zeit konnte das Erdölkartell durch die Förderquoten der westlichen Welt die Preise für das schwarze Gold diktieren. Doch die Opec hat überreizt, und das schon in den 70er-Jahren. Durch die Ölkrisen wurde der westlichen Welt schlagartig bewusst, dass sie sich selbst um Energiesicherheit bemühen muss. Die Folge: Der Westen setzte auf eigene Ölquellen – zum Beispiel in der Nordsee – und auf alternative Energien. Daneben nimmt Energieeffizienz eine größere Rolle ein. Autos fressen immer weniger Sprit, allein in Deutschland soll im Jahr 2025 im Vergleich zu 2010 ein Drittel weniger Benzin getankt werden. Erdöl wird im Jahr 2030 nur noch in 17 Prozent aller Haushalte geheizt werden. Im Jahr 1995 waren es 36 Prozent. Es gibt einfach günstigere Alternativen: Gas, Sonne oder Erdwärme.

          In den Industrieländern sinkt der Erdöldurst

          Daher sinkt in den Industrieländern der Erdöldurst seit dem Jahr 2005, auch befeuert durch das schwächere Wirtschaftswachstum. Im Jahr 2016 könnte der Erdölverbrauch erstmals langsamer zunehmen als noch im Vorjahr – ohne dass eine globale Rezession herrscht. Aber auch in Asien führt der Trend zu immer mehr Megastädten zu einem niedrigeren Erdölverbrauch; laut Studien ist dieser 50 Prozent geringer. Und vom Jahr 2030 an könnte der Ölverbrauch global abnehmen. Das sind keine Spinnereien von Umweltschützern, sondern die Prognosen der Internationalen Energieagentur. So ist es eine einfache Rechnung: Eine niedrigere Nachfrage trifft auf ein steigendes Angebot, und die Preise sinken.

          Die Opec hat ihre schwindende Macht erkannt. Selbst Hardliner wie der Iran, die einst Ölpreise von 400 Dollar forderten, sind von der Linie abgerückt. Außerdem sind die Haushalte aller Mitgliedsländer auf Öl gebaut. Sie können es sich schlicht und einfach nicht mehr erlauben, die Förderung zu senken, weil das Geld sofort im Haushalt fehlen würde.

          Die kürzliche Intervention im Irak begründete Barack Obama noch mit dem Schutz „der globalen Energiemärkte“. Solche Sätze wird er oder sein Nachfolger nun dank der größeren Ölunabhängigkeit immer seltener sagen müssen. Auch die Europäer müssen sich, wie im Rahmen der Waffenlieferungen an die Kurden bereits geschehen, stärker engagieren, um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen.

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