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Singles : Allein, aber nicht einsam

Mancher schiebt die Schuld der Globalisierung zu, die dem Menschen keine Zeit mehr für die Liebe lasse Bild: Getty Images

Jeder vierte Deutsche gehört zu den Singles. Ihre Anzahl steigt, ihr Ruf leidet. Doch die Wirtschaft liebt den Single. Er gilt als konsumfreudig und kaufkräftig.

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          Das Konferenzzimmer lag im siebten Stock, der Blick über Hamburg ging weit. Der Chef hatte gebeten, sie sollten sich ein paar Gedanken machen, über Singles: „Niemand kennt sie.“ Doch sie hätten Geld. Sie konsumierten. Und das hier war die Marketing-Abteilung eines Konsumgüterkonzerns.

          Ein paar Kollegen hatten zur Vorbereitung den Film „Kokowääh“ geguckt, in dem Til Schweiger einen notorischen Aufreißer spielt, der am Ende das wahre Glück in der Familie findet. Der stellvertretende Abteilungsleiter hatte eine kleine Präsentation erstellt: „Reizwort Single“. Das erste Kapitel lautete: „Ansprechen ohne Ausgrenzen.“ Im Fazit hieß es, der Begriff Single sei in Slogans zu vermeiden.

          Die Frau erzählt am Elbstrand ihre Geschichte, sie zieht die Ärmel über die Hände, sie fröstelt. Der Wind pfeift, Hamburger Sommer. Damals im siebten Stock hat sie überlegt, ob die Kollegen wussten, dass sie seit einem halben Jahr alleine lebt. Sie erinnert den Titel der Präsentation: „Kommunikation mit einer Randgruppe.“ Sie hat den Kollegen nichts gesagt.

          Die Wirtschaft liebt den Single

          Die Randgruppe hat in Deutschland mehr als 17 Millionen Mitglieder: bald jeder Vierte zählt zu den Alleinstehenden. Die Zahl beinhaltet jene, die ohne Partner meist allein in einem Haushalt wohnen. Die Zahl ist stark gestiegen, vor fünfzehn Jahren lag sie noch bei 14 Millionen.

          Die Zahl verrät nicht, ob 17 Millionen Menschen einsam sind, ob sie ohne Partner sind oder der Partner vielleicht nur um die Ecke wohnt. Oder in einer anderen Stadt, gar einem anderen Land. Wie viele Menschen in Deutschland eine feste Beziehung führen, das zeigt die Zahl der Alleinstehenden nur zum Teil. Trotzdem hat die Ziffer von 17 Millionen gesellschaftliche Sprengkraft. Das ohnehin vergreisende Land scheint dem Untergang geweiht, denn Singles, das ist die Vorstellung, wollen Spaß und keine Kinder.

          Immerhin: Die Wirtschaft liebt den Single. Er gilt als konsumfreudig und kaufkräftig, eine These, die soziologische Untersuchungen in der Tendenz bestätigen. Es gibt Single-Hotels, Single-Kochen, Single-Segeln, Single-Hunde zur Miete (um die Attraktivität des Herrchens zu steigern). Das größte Geschäft machen die Partnerbörsen. Weil der menschliche Instinkt laut Psycho-Erkenntnissen einen Partner mit ähnlicher Gesichtsphysiognomie verlangt, bietet seit vergangenem Mai die amerikanische Agentur FindYourFacemate an, per Computerprogramm nach dem Ebenbild zu fahnden.

          Eine biographische Phase, kein Lebensziel

          Mag der Single auch die Binnennachfrage ankurbeln – nach Feierabend möchte der Marketingleiter und Ehemann nicht mit ihm tauschen. In einer Welt, die politisch wie ökonomisch aus den Fugen zu geraten droht, betrachten Menschen das vermeintlich prekäre Lebensmodell des Alleinstehenden mit Furcht. Entdeckt in den sechziger Jahren in New York, galt der Single einst als trendy, als Vorreiter für Freiheit und Selbstverwirklichung. Seitdem hat die Wissenschaft bei seiner Erforschung keine großen Fortschritte gemacht. Das schafft Platz für Vorurteile.

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