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Grüner Strom : So will Singapur Solarenergie auf dem Wasser gewinnen

Prototyp: Das Solarfloß von Singapur Bild: Christoph Hein

Singapur setzt zunehmend auf Innovationen in der Solarenergie. Der Stadtstaat plant ein Fünftel seiner Stauseen mit Paneelen zu bedecken. Derzeit arbeiten Forscher unter Hochdruck an einer Testanlage.

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          Der Schweiß läuft über das Gesicht, in der grellen Sonne verengen sich die Augen zu Schlitzen. Es ist windstill, kein Vogel singt, die Luft glüht. Der See an der Grenze zu Malaysia liegt totenstill in der brütenden Mittagshitze. Lu Zhao stört das nicht. Für ihn sind die Sonne und ihre Kraft Forschungsgegenstand. Deshalb gleitet der Blick des Wissenschaftlers über die Anzeigentafeln der Messgeräte im provisorischen Container am Ufer des Sees. „Alles in Ordnung. Wir produzieren hier sehr gleichmäßige Ergebnisse“, sagt Lu. Vor ihm liegt das weltweit größte schwimmende Testfeld für Sonnenenergie.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der 35 Jahre alte Lu, den seine Karriere aus seiner Heimat in Festlandchina nach Holland, Hongkong und inzwischen nach Singapur geführt hat, arbeitet an einem der interessantesten Projekte der Branche: Der Stadtstaat Singapur erwägt, bis zu einem Fünftel seiner Wasserfläche mit Solarpaneelen zu bedecken, um Energie zu gewinnen. Auf Anregung seiner Wirtschaftsförderungsbehörde EDB und mit deren Fördermitteln über 11 Millionen Singapur Dollar (7,12 Millionen Euro) hat der Äquatorstaat ein „Solarfloß“ bauen lassen, auf dem verschiedene Techniken geprüft werden. Lu führt die Versuche für das Solarforschungsinstitut Seris an der Nationaluniversität (NUS) Singapurs. Zehn von 17 Stauseen habe die Wasserversorgungsbehörde schon auf die Möglichkeiten zum Gewinn von Solarenergie auf der Oberfläche untersucht, sagt Lu.

          Der südostasiatische Tropenstaat arbeitet daran, sich eine Führungsrolle in der weltumspannenden Forschung in der Sonnenenergie zu sichern. Das Floß auf dem abgelegenen Wasserreservoir Tengeh könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Rund um den See plant Singapur, mit öffentlichen Mittel Wohnungen zu bauen, so dass ein „intelligenter, nachhaltiger“ Stadtteil entsteht. In seinem Zentrum wird der Bahnhof für den Hochgeschwindigkeitszug nach Malaysia liegen. Noch ist davon nicht viel zu sehen: Die Grenzstation mit ihren Stacheldrahtzäunen, der See, ein Golfplatz, ein Übungsgelände für die Polizei und Dschungel, so weit das Auge reicht. Dennoch findet sich auf dem See schon Zukunftstechnologie: Auf insgesamt 11.000 Quadratmetern Flöße, verbunden über einen L-förmigen Steg, probieren sieben Hersteller, unter ihnen die deutsche Phoenix Solar, neun verschiedene Verfahren zum Ernten von Sonnenenergie aus – einige haben die Paneele auf Konstruktionen befestigt, die auf Kanistern schwimmen, andere bevorzugen ein Netzwerk aus Stangen, das sich dem Wellengang anpasst. Einige der Hersteller kühlen ihre Paneele mit Wasser, damit sie produktiver sind. Schon während der Testphase gewinnt die Photovoltaik-Anlage genug Strom, um 250 Vier-Zimmer-Wohnungen im Stadtstaat zu versorgen.

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          „Wenn sich Singapur entscheidet, einen größeren Teil seiner Süßwasserfläche zum Gewinnen von Sonnenenergie zu nutzen, geht es um viel“, sagt Lu. „Wir sprechen von 50 bis 100 Hektar. Hohe Investitionen müssen gesichert sein. Deshalb testen wir hier die Verfahren.“ Dabei geht es um Fragen wie die nach dem besten Winkel zur Sonne, um die Beständigkeit der Materialien, um den Einfluss des Wassers und der Natur auf die Systeme, bis hin zur Beständigkeit der Kabel, die die Energie an Land transportieren. Und darum, wie oft man ein Paneel in einem See säubern muss, das Vögel als Toilette betrachten.

          Schwimmende Photovoltaik-Systeme haben Potential

          Doch natürlich blicken die Behörden der Stadt auch in die andere Richtung: Welchen Einfluss hat eine großflächige Abdeckung von Seen auf die Natur? „Schwimmende Photovoltaik-Systeme, die über unseren Wasserflächen installiert sind, helfen nicht nur, Landfläche zu sparen, sondern sie besitzen auch das Potential, die Verdunstungsverluste unserer Wasserspeicher zu mindern“, sagt Singapurs Minister für Wasser, Umwelt und Rohstoffe, Masagos Zulkifli. „Derzeit wird untersucht, welchen Einfluss die Abdeckung auf das Wachstum von Algen hat. Weniger Bestrahlung dürfte ihren Wuchs einschränken“, berichtet Lu. Jeder Bolzen, jede Planke der Flöße wurde von der Wasserbehörde auf ihre Verträglichkeit getestet, erzählt der junge Wissenschaftler. China hat sich unterdessen schon für ein System entschieden: Die dortige Sungrow Power Supply hat Mitte Mai in der Provinz Anhui eine schwimmende Sonnenfarm angefahren, die 40 Megawatt Kapazität besitzt. Sie ist in einer gefluteten Mine verankert und gilt als die bislang größte der Welt.

          In greifbarer Nähe: Lu Zhao stellt das innovative Projekt vor.

          Singapur ist nicht nur an den Versuchen interessiert, weil sich die Stadt als Forschungsstandort profiliert. Sie bemüht sich auf lange Sicht auch, ihre Abhängigkeit von den Nachbarländern zu verringern. Die Arbeit der Seris-Forscher an ihrem Solarfloss wird deshalb auf anderer Ebene auf einer künstlichen Insel im Meer ergänzt: Die 350 Hektar große Insel Semakau ist durch das Lagern der Asche der Müllverbrennung Singapurs entstanden. Inzwischen werden auf ihr optimale Energienetze erprobt – es geht um die richtige Mischung aus Sonnen-, Wind- und Dieselenergie. Semakau könnte damit die Antwort auf den jeweils besten Energiemix für Asiens entlegene Orte geben und Singapur einen weiteren Schritt auf dem Weg in die Unabhängigkeit vom Gas Indonesiens führen.

          „Plattformen auf dem Meer zu bauen wird noch dauern“

          Die Seris-Versuche auf dem Stausee sind denn auch nur ein Vorläufer für kompliziertere Verfahren, bei denen die Meeresoberfläche mit Solarpaneelen bedeckt werden könnte. Immerhin dürfte der Markt für erneuerbare Energie in den zehn Ländern Südostasiens bis 2025 um 50 Prozent wachsen. Dann soll ein knappes Viertel ihres Energieverbrauchs aus Sonne, Wind, Biogas oder Meereskraft gespeist werden. Diese enormen Geschäftsmöglichkeiten will Singapur für sich nutzen.

          „Plattformen auf dem Meer zu bauen wird noch dauern, es ist wesentlich komplizierter“, sagt Lu. Doch wird der weit in die Zukunft planende, straff geführte Stadtstaat daran arbeiten, erneuerbare Energien zu stärken. Denn die Insel selbst bietet viel zu wenig Platz, um große Solarfarmen zu bauen – Wasser aber gibt es in Hülle und Fülle. Da der Energiegewinn auf dem Wasser aber immer noch rund 20 Prozent teurer ist als derjenige auf Dachflächen, suchen die Forscher auch nach dem preiswertesten, verlässlichen Verfahren. Die Hoffnungen sind groß: „Auf Dauer könnten wir einige hundert Megawatt auf den Stauseen gewinnen“, sagt Lu. Als Faustformel gelte, dass ein Hektar Wasserfläche mit Solarmodulen etwa ein Megawatt Strom erzeuge. Noch in diesem Jahr, so kündigte der Minister an, würden Fläche und Ausstoß des Solarfloßes verdoppelt werden.

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