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Tag der Bundestagswahl : Warum wir wählen, was wir wählen

FDP-Chef Christian Lindner setzte im Wahlkampf auch auf Emotionen. Ist das für ihn erfolgversprechend? Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Für die Parteipräferenzen ist das Gefühl offenbar wichtiger als die Vernunft. Deshalb präsentierten sich die Kandidaten im Wahlkampf emotionaler. Ist das gut oder schlecht für die Demokratie?

          Was waren das noch für herrliche Zeiten. Vor vier Jahren, als der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mit dem Publikum über den Mittelfinger kommunizierte, konnte jeder Stimmbürger seine Wahlentscheidung aus einer Tabelle ablesen. Wunderbar präzise Steuermodelle hatten die Parteien entwickelt, um jedem einzelnen die Entscheidung so leicht wie möglich zu machen. Spitzensteuersatz, Progressionsverlauf, Ehegattensplitting: Das klang zwar alles schrecklich kompliziert. Aber Experten standen bereit, die Rechnung für jeden Einzelfall aufzumachen: Mit welcher Partei fährt das Lehrerpaar, Reihenhaus, zwei Kinder, am besten? Was macht der Single, der in der Großstadt lebt und von der Pendlerpauschale nicht profitiert?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Leider ging die Sache schief. Das lag nicht nur am Inhalt der Steuerprogramme, und auch nicht bloß daran, dass das Publikum jede Veränderung nur selektiv rezipiert: Der höhere Spitzensteuersatz schreckt den Wähler ab, auch wenn er durch den neuen Tarifverlauf insgesamt entlastet würde. Aber das allein war es nicht. Der „rationale Wähler“, der Programme studiert und sie Punkt für Punkt mit seinen persönlichen Bedürfnissen – materieller und immaterieller Natur – abgleicht: Es gibt ihn schlichtweg nicht, davon ist die große Mehrzahl der Wahlforscher längst überzeugt. Wie wir noch sehen werden, ist das am Ende sogar rational.

          Deshalb schwenkten die Parteien um und legten ihre diesjährigen Kampagnen gefühliger an. Ein paar Zahlen gab es zwar auch, bei der SPD zu den Steuern oder bei den Grünen zum Ende des Verbrennungsmotors, aber sie spielten keine große Rolle. FDP-Chef Christian Lindner inszenierte sich als der Mann mit Fünftagebart, der im Unterhemd sein Smartphone checkt. Die Linkspartei vertraute auf die kühle Aura Sahra Wagenknechts. SPD-Mann Martin Schulz wollte vor allem „authentisch“ sein und erzählte Geschichten aus Würselen. Kanzlerin Angela Merkel warb für ein Land, „in dem wir gut und gerne leben“. Die AfD kontrastierte das Wohlfühlklima mit einem Appell an Wut und Angst.

          Keine Späße mit der Wahl

          Sind Emotionen also wichtiger als Fakten? Schon. Aber auch der Einfluss des Spitzenpersonals auf unsere Wahlentscheidung ist begrenzt. Es stimmt, Parteibindungen haben sich gelockert, die Zahl der Wechselwähler hat zugenommen. Ganz so wankelmütig, wie man lange annahm, sind die Stimmbürger allerdings nicht geworden. Zumindest in Westdeutschland wechseln sie nicht so schnell von einem Lager ins andere, eher zwischen benachbarten Parteien. Sie gehen mal zur Wahl, um ihre bevorzugte Partei zu unterstützen, mal nicht. Oder sie bleiben erst mal zu Hause, bevor sie beim übernächsten Mal die politische Farbe wechseln. Wer den Veggieday ganz gut findet, wird sich auch durch Lindners Gesichtsbehaarung kaum vom Gegenteil überzeugen lassen.

          Selbst der Hype um Schulz, der die SPD zu Jahresanfang in Euphorie versetzte, bestätigt die These eher, als dass er sie widerlegt. Zwar hatten die Demoskopen noch nie einen so hohen Ausschlag in den Umfragen gesehen. Aber je näher der Wahltermin rückte, desto mehr näherten sich die Werte wieder den langfristigen politischen Präferenzen an. Nicht ohne Grund unterscheiden die Institute zwischen kurzfristiger Stimmung und langfristigen Wahlabsichten. Gerade Bundestagswahlen gelten hierzulande (zu Recht) als ernste Angelegenheit, mit der man keine Späße treiben soll.

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