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Kommentar : Kulturschock für Siemens

Siemens ist träge geworden. Jetzt verordnet der Konzernchef eine Revolution der Konzernstruktur. Das ist nötig. Aber ob Siemens diese Unruhe verkraftet, ist zweifelhaft.

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          Als Siemens-Chef Joe Kaeser 2013 sein Amt übernahm, versprach er dem Konzern: Ruhe. Die war dringend nötig, denn Siemens hatte einen heftigen Machtkampf in der Führung hinter sich und den Korruptionsskandal erst kurz verdaut. Jetzt aber kündigt Kaeser einen Konzernumbau an, der mit dieser Ruhe rein gar nichts zu tun hat.

          Es wird nicht Monate, sondern Jahre dauern, bis das Unternehmen auf die richtige Spur gebracht sein wird. Das zeigt schon der Name, den Kaeser sich für seinen Umbau ausgedacht hat: „Siemens – Vision 2020“. Es kommt schon einem Erdbeben gleich, was im Unternehmen passiert.

          Kaeser streicht eine ganze Verwaltungsebene, nämlich die vier „Sektoren“ Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte, die die einzelnen Sparten zusammenfassen. Allein das wird viel Unruhe bringen, denn Tausende von Stellen werden abgebaut, Tausende Mitarbeiter werden im Konzern einen neuen Arbeitsplatz bekommen.

          Doch es gibt noch tiefer greifende Entscheidungen: Die Medizintechnik wird verselbstständigt. Das ist ein Signal dafür, dass sie nicht mehr zum Kern von Siemens gehört - so war es zuvor schon mit der Lichtsparte Osram gewesen, die später an die Börse ging. Damit nicht genug: Auch das Zuggeschäft hat offenbar keine Bestandsgarantie im Konzern mehr, wenn es als Tauschobjekt mit der Energietechnik von Alstom in Betracht gezogen wird. Die Änderungen gehen sogar so weit, dass das Energiegeschäft seinen Sitz aus dem fränkischen Erlangen in den Sonnenstaat Florida verlegt, nach Orlando.

          Der Umbau ist nötig - aber ist er auch gut?

          Siemens-Chef Joe Kaeser verlangt den Siemensianern viel gedankliche Flexibilität ab. Seine „Vision 2020“ ist mehr als ein normales Umbauprogramm. Es ist ein Kulturschock und erzwingt den radikalen Kulturwandel. Der Vorstoß ist sicherlich notwendig. Das Unternehmen ist in eine beachtliche Trägheit verfallen. In den Umbrüchen liegen große Chancen.

          Dumm nur, dass heute überhaupt nicht abzusehen, wie Siemens selbst damit fertig wird. Die Kräfte und Nerven sind schon arg strapaziert - und in dieser Situation tritt der Konzern noch einen wenig hilfreichen Bieterkampf mit Alstom los.

          Joe Kaeser lastet ein Makel an: Er war an den zahlreichen, großen Versprechen der vergangenen Jahre durchaus beteiligt. Schließlich war er unter seinem Vorgänger Peter Löscher als Finanzvorstand mitverantwortlich dafür, dass Siemens so geworden ist. Jetzt muss er mehr als je zuvor Erfolge zeigen, auch in Umsatz und Gewinn. Da braucht er gar nicht bis 2020 zu warten.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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