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Siemens : Pierer sucht die Machtprobe mit der Gewerkschaft

  • -Aktualisiert am

Pierer: Mehr arbeiten für das gleiche Geld Bild: dpa

Siemens sendet Warnsignale an die IG Metall. Die Gewerkschaft befürchtet, daß mehr als 10.000 deutsche Arbeitsplätze nach Osteuropa und Asien verlagert werden.

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          Der Siemens-Konzern steht vor einer Machtprobe mit der IG Metall. Die Gewerkschaft befürchtet, daß mehr als 10 000 deutsche Arbeitsplätze des Münchner Elektro- und Elektronikkonzerns nach Osteuropa und Asien verlagert werden. Siemens dementiert diese Absicht (F.A.Z. vom 24. März).

          "Wir werden Zoff machen", droht ein Gewerkschafter für den Fall, daß viele Stellen abwandern sollten. Ruhiger verhält sich noch der Betriebsrat. "Wir warten gespannt auf die Vorschläge", sagt Lothar Adler, der stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, berichtet aber von einer großen Unruhe in der Belegschaft.

          Am 31. März kommt der Wirtschaftsausschuß von Siemens zusammen, der über die Schwierigkeiten und Kostennachteile mehrerer Geschäftsfelder von Siemens diskutieren wird. Danach würden Beratungen aufgenommen, die einige Wochen dauerten, kündigt Adler an. "Erst dann haben wir einen Überblick."

          Widersprüchlich sind die Informationen aus dem Unternehmen und von der IG Metall. Wolfgang Müller, Leiter des "Siemens-Teams" der Gewerkschaft und bis vor kurzem Mitglied des Aufsichtsrates von Siemens, behauptet, die Verlagerung der Telefonfertigung von Kamp-Lintfort und Bocholt in Nordrhein-Westfalen nach Ungarn habe schon begonnen. "Der Aufbau von 16 Produktionslinien läuft dort auf vollen Touren", sagt Müller.

          Eine Siemens-Sprecherin entgegnet, vor dem Abschluß der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern würde eine Produktion nicht aufgebaut. Doch Müller fährt fort: "Auch in anderen Bereichen gibt es schon Vorbereitungen für Verlagerungen." Er wirft deshalb der Konzernleitung "ein doppeltes Spiel" vor. Beim Informationstechnik-Dienstleister Siemens Business Services (SBS) werde mit den Betriebsräten über einen Abbau von 750 bis 1000 Stellen in Deutschland gesprochen, während in Indien und anderen Billiglohnländern neue Arbeitsplätze entstünden. Eine Sprecherin von SBS dementiert das. "Es gibt immer wieder einmal kleinere Anpassungen als Folge von Prozeßverbesserungen, aber diese Größenordnung stimmt nicht", sagt sie.

          Auf die Kritik und Drohgebärden der IG Metall reagiert ein Sprecher in der Siemens-Zentrale mit der Frage: "Wer zahlt uns mehr für unsere Handys, wenn wir sie hier teurer produzieren müssen?" Es gebe viele Möglichkeiten, den Lohnkostennachteil von 25 bis 30 Prozent im Vergleich mit Osteuropa hierzulande auszugleichen. Gewerkschafter Müller will sich solchen Ideen nicht verschließen. "Ohne eine Garantie für die Arbeitsplätze läuft aber nichts", fügt er schnell hinzu.

          Warnsignal an die Tarifparteien

          Siemens-Konzernchef Heinrich von Pierer sucht jetzt offenbar die Konfrontation mit der Gewerkschaft. Seine Ablehung des jüngsten Tarifabschlusses für die Metall- und Elektroindustrie hat er nicht verheimlicht und sogar mit einem Austritt aus dem Arbeitgeberverband gedroht. "Das gehört zu den Überlegungen, wie man Veränderungen herbeiführen kann", hatte er im vergangenen Monat dieser Zeitung gesagt. Mehr arbeiten für das gleiche Geld, lautet seine Forderung in Kurzform. Ein Vertrauter des Vorstandsvorsitzenden bestätigt den Eindruck, daß Pierer mit Siemens als einem der größten privaten Arbeitgeber in Deutschland ein Warnsignal an die Tarifparteien sendet. Er will seine Ansicht verdeutlichen, entweder das Arbeiten hierzulande flexibler zu gestalten oder nach einer Alternative in anderen Ländern zu suchen.

          Beispiel für Flexibilität: Osram

          Für ein flexibles Vorgehen finden sich im Siemens-Konzern, der in Deutschland 167.000 Menschen beschäftigt, schon einige Beispiele. Dem Lampenhersteller Osram ist es nach den Worten von Wolf-Dieter Bopst, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, gelungen, den deutschen Kostennachteil von 64 Prozent im Vergleich mit China in der Produktion von Halogenniedervoltlampen innerhalb von fünf Jahren auszugleichen. "Das Beispiel zeigt, welche Kräfte freigesetzt werden können, wenn man sich radikale Ziele setzt", sagte er vor einigen Monaten in der Bilanzpressekonferenz.

          Gelungen ist dies unter anderem mit Arbeitszeitkonten am bayerischen Produktionsstandort Eichstätt, wo Osram 750 Mitarbeiter beschäftigt. "Mittlerweile ist das Modell im zweiten Jahr und sehr erfolgreich", berichtet eine Sprecherin des Unternehmens. Im Rahmen des Tarifvertrages sei eine Wochenarbeitszeit von null bis 48 Stunden möglich. In der Regel werde im Winter wegen der höheren Nachfrage nach Lampen länger gearbeitet, im Sommer glichen Mitarbeiter dies mit freien Tagen aus. Gelungen ist das Aufholen des Kostennachteils aber auch, weil Osram die lohnintensive Herstellung von Vorerzeugnissen an chinesische Lieferanten vergeben hat und die eigene Produktion für chinesische Kunden in das asiatische Land verlagert hat. Die Zahl der Arbeitsplätze in Eichstätt ist nach Angaben der Sprecherin dennoch konstant geblieben.

          Mit dem Verzicht auf übertarifliche Zulagen haben die Mitarbeiter der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH im Werk in Giengen bei Ulm verhindert, daß 450 der 2300 Arbeitsplätze an den BSH-Standort in die Türkei verlagert werden. In Giengen stellt das Unternehmen Kühl- und Gefrierschränke her. Den ersten Vorschlag einer längeren Arbeitszeit ohne Lohnausgleich habe der Betriebsrat abgelehnt, berichtet eine Sprecherin des Gemeinschaftsunternehmens von Bosch und Siemens. Dann sei das schrittweise Streichen der freiwilligen Zulagen, zu denen eine Erfolgsbeteiligung gehört, vereinbart worden. "Das bedeutet für das Unternehmen eine Kostenersparnis von 10 Millionen Euro im Jahr."

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