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Siemens-Zentrale : Wie wollen wir morgen arbeiten?

  • -Aktualisiert am

Die neue Siemens-Zentrale: Der Bau hat einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag gekostet. Bild: Jan Roeder

Alle schwärmen vom Silicon-Valley-Spirit. Selbst Siemens. Die neue Zentrale in München soll der Generation Y gefallen.

          Es riecht nach Zement und Farbe, manche Wand ist noch feucht. Auch nicht jedes Kabel hat seine Bestimmung schon gefunden. Viel Zeit haben die Handwerker nicht mehr. Am Freitag wird Siemens die neue Konzernzentrale eröffnen – und sich feiern für den Start-up-Spirit, der damit in München einzieht. Das Silicon Valley hat es Konzernchef Joe Kaeser angetan. Janina Kugel ist die Frau im Vorstand, die diesen Geist den 350.000 Mitarbeitern einzubimsen hat. Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist Kugel vor der Premiere schon mal durch die neue Bürowelt gegangen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Siemens Office – New Way of working“ heißt das offizielle Konzept dazu. „Arbeit 4.0“ darf man auch sagen. „Die Mitarbeiter bestimmen ihr Arbeitsumfeld selbst“, sagt Kugel. „Jedes Team hat Möglichkeiten zur Gestaltung seiner Area.“ Anglizismen ziehen ein ins Büro, effizienter soll es werden, vor allem aber soll die „Generation Y“ der nach 1980 Geborenen erst mal dazu bewogen werden, einen Aufenthalt dort in Erwägung zu ziehen. Da die jungen Leute so wenige sind, finden sie sich in einer starken Position auf dem Arbeitsmarkt. Das bekommen die Siemens-Leute schon auf Uni-Messen zu spüren: Wie sieht’s aus mit der Work-Life-Balance?, fragt der umworbene Nachwuchs da. Gibt es Sabbaticals? Home Office? Kitas? Haben wir alles, kann Kugel dann sagen. „Nine-to-five-Jobs“ waren gestern, auch in einem Traditionskonzern, cool ist Projektarbeit. Dass die Vorstandsfrau twittert, versteht sich von selbst, vor Instagram und Snapchat schreckt Janina Kugel noch zurück. Die Digital Natives in ihrem Umfeld arbeiten daran.

          So bricht sich der Fortschritt Bahn. Dazu gehört, dass immer mehr Mitarbeiter sich eine Pause gönnen. Die Zahl der Sabbaticals hat um 25 Prozent zugenommen. Tausend Anträge gingen 2015 allein in Deutschland ein, sagt Kugel. 20 Prozent der Arbeit dürfen die Angestellten sowieso ohne große Absprache zu Hause erledigen, im „Home Office“. Elternzeit nehmen immer mehr junge Männer, was laut Kugel als Beleg ihrer Fortschrittlichkeit zu deuten ist: „Jede dritte Elternzeit beantragt ein Vater, auch die Zeiträume werden immer länger.“

          „Clean-Desk-Strategie“

          Wer als Mutter die Baby-Pause abkürzt, möglichst rasch nach der Entbindung wieder in den Beruf einsteigt, wird mit 500 Euro Zuschuss im Monat belohnt. Wer da noch nach dem Wohl des Kleinkindes fragt, ist reaktionär. „Es ist erwiesen, dass die Karriere stockt, wenn man zu lange Pause macht“, sagt Kugel, selbst Mutter von Zwillingen, die an gewöhnlichen Bürotagen darauf achtet, dass sie abends um 18 Uhr nach Hause kommt. „Wenn die Kinder im Bett sind, setze ich mich dann noch mal an den Laptop.“

          In der neuen Zentrale, die sich der Konzern einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag hat kosten lassen, haben nur noch die wenigsten einen festen Arbeitsplatz. „Wir fahren eine Clean-Desk-Strategie“, erläutert Janina Kugel. Das heißt: Wer das Büro verlässt, hinterlässt nichts auf dem Schreibtisch, keine persönlichen Gegenstände am Arbeitsplatz. Am nächsten Tag nimmt da womöglich ein anderer Platz. Man kommt morgens, sucht sich sein Plätzchen in den weitläufigen, offenen Räumen. Früher sagte man Großraumbüro dazu. Heute heißt das „Area“. Oder „Lounge“.

          Zum ungestörten Telefonieren geht es ans Stehpult im kleinen gläsernen Kabuff. Die Festnetztelefone verschwinden, die Mitarbeiter werden gefragt, ob das Smartphone ihnen nicht genügt. Meist reicht das Handy. „One Phone“, so heißt die Aktion, spart der Firma bares Geld. Akten, sofern überhaupt physisch nötig, wandern in den Archivschrank in der Ecke. Die Digital Natives haben es eh nicht so mit Papier.

          Harte Zeiten für Gummipflanzen

          Für die persönlichen Habseligkeiten muss ein abschließbares Fach ausreichen, etwas größer als ein Schuhkarton, ähnlich wie im Schwimmbad. „Darin erlaubt ist alles, was nicht lebt oder nach einiger Zeit zum Leben erwachen kann“, sagt Kugel mit einem Lachen. Für Gummipflanzen brechen harte Zeiten an. Und wohin erst mit all den Kinderfotos von den Schreibtischen? Selbst die persönliche Kaffeetasse wird nur toleriert, wenn sie abends weggeschlossen wird. Dafür sind an jeder Ecke Café-Bars eingerichtet. Auch hier leuchtet alles weiß: Wände weiß, Theke weiß, Tische weiß. In Kalifornien haben sie es bunter. „Als die Farbkonzeption beraten wurde, war ich noch nicht an Bord“, sagt Kugel. Soll heißen: Sie hätte nichts gegen mehr farbige Fröhlichkeit.

          Grün muss es sein: Auf dem Dach blüht schon die Wiese. Bilderstrecke

          So zentral der Weltkonzern regiert wird, bei den Farben toleriert Siemens Vielfalt. „Diversity“ schlägt in dem Punkt die „Corporate Identity“-Dogmatiker: So variiert das Outfit der Siemens-Niederlassungen von Land zu Land. Sehr bunt treiben es die Skandinavier, die Italiener sowieso.

          In München mögen sie es hell und luftig, viel Glas wurde verbaut. Keine schweren Teppiche, stattdessen Parkett in den repräsentativen Räumen weiter oben im Gebäude: Die Dachterrasse auf dem fünften Stock ist eine Wucht, mit Blick auf die Türme der Frauenkirche, an klaren Tagen auch auf die Alpen. Die Sonnenliegen werden noch angeschafft (ebenso wie die Gerätschaften im Fitness-Studio). Ganz oben im sechsten Stock, so viel Tradition muss sein, sitzen die Vorstände, mit eigenem Büro, wenn auch ohne eigenen Aufzug oder eigene, exklusive Kantine, wie es in konservativen Konzernen bis heute üblich ist.

          In einem Punkt liegt Siemens ganz vorne: Das Unternehmen öffnet sich für das Publikum. Die Cafés und Restaurants im Erdgeschoss sind für die Allgemeinheit zugänglich, ebenso die schattigen Plätze in den Innenhöfen. Das ist dann doch ungewöhnlich für eine Konzernzentrale. Google oder Facebook schenken in ihren Gebäuden keinen Kaffee für Silicon-Valley-Touristen aus.

          Was sie in München dagegen nicht haben, ist der für Start-ups unvermeidliche Kickertisch. Angeblich ist diese Mode rückläufig, hat eine Umfrage in der Belegschaft ergeben. Auf Tischfußball und Boxsack wird deshalb verzichtet. Wie viele Papierkörbe aufgestellt werden, ist noch nicht zu Ende diskutiert: Ein Eimer unter jedem Schreibtisch gilt heutzutage als spießig. Die Klärung der Frage wird wohl noch das ein oder andere Meeting beanspruchen.

          Ein Problem löst die hipste Konzernzentrale nicht, da mag sie noch so nachhaltig CO2-neutral sein: Wer sich zum nächsten Steve Jobs berufen fühlt, der wird nicht in einem Großkonzern mit seinen Hierarchien und Berichtslinien einfädeln, sondern eine eigene Firma gründen. „Wenn jemand jeden Freitag mit dem Vorstand in Jeans und Hoody ein Bier auf dem Barhocker trinken will, der wird das bei Siemens eher nicht finden“, räumt Kugel ein. Ob jedem ihrer Manager-Kollegen die Silicon-Valley-Kluft stehen würde, ist eine andere Frage.

          Trend zum „Du“

          Irgendwann wird es sowieso albern mit dem Silicon-Valley-Nachäffen. Im Fall jener Großbank etwa, die sich vom Schrottplatz ein zerbeultes Garagentor ins Büro geholt hat, nur damit sich die Angestellten wie in der Garage von Bill Gates oder Mark Zuckerberg fühlen. Solchen Schnickschnack spart sich Siemens.

          Was sich nirgendwo aufhalten lässt, ist der Trend zum „Du“. „Es entsteht definitiv eine Duz-Kultur“, bestätigt Janina Kugel – wenn auch ohne Direktive von oben. Die Titel auf den Visitenkarten bleiben. „In der amerikanischen und chinesischen Kultur wird das erwartet.“ Ein weiteres Opfer der neuen Bürowelt ist schlussendlich die Krawatte. Obschon von Siemens nicht offiziell verbannt, ist es doch so, dass allmählich auffällt, wenn jemand mit Binder erscheint: „Kommt ein Minister zu Besuch?“ Für Freitag, zur Eröffnung, hat sich die Politik angesagt.

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