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Siemens-Zentrale : Wie wollen wir morgen arbeiten?

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Die neue Siemens-Zentrale: Der Bau hat einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag gekostet. Bild: Jan Roeder

Alle schwärmen vom Silicon-Valley-Spirit. Selbst Siemens. Die neue Zentrale in München soll der Generation Y gefallen.

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          Es riecht nach Zement und Farbe, manche Wand ist noch feucht. Auch nicht jedes Kabel hat seine Bestimmung schon gefunden. Viel Zeit haben die Handwerker nicht mehr. Am Freitag wird Siemens die neue Konzernzentrale eröffnen – und sich feiern für den Start-up-Spirit, der damit in München einzieht. Das Silicon Valley hat es Konzernchef Joe Kaeser angetan. Janina Kugel ist die Frau im Vorstand, die diesen Geist den 350.000 Mitarbeitern einzubimsen hat. Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist Kugel vor der Premiere schon mal durch die neue Bürowelt gegangen.

          „Siemens Office – New Way of working“ heißt das offizielle Konzept dazu. „Arbeit 4.0“ darf man auch sagen. „Die Mitarbeiter bestimmen ihr Arbeitsumfeld selbst“, sagt Kugel. „Jedes Team hat Möglichkeiten zur Gestaltung seiner Area.“ Anglizismen ziehen ein ins Büro, effizienter soll es werden, vor allem aber soll die „Generation Y“ der nach 1980 Geborenen erst mal dazu bewogen werden, einen Aufenthalt dort in Erwägung zu ziehen. Da die jungen Leute so wenige sind, finden sie sich in einer starken Position auf dem Arbeitsmarkt. Das bekommen die Siemens-Leute schon auf Uni-Messen zu spüren: Wie sieht’s aus mit der Work-Life-Balance?, fragt der umworbene Nachwuchs da. Gibt es Sabbaticals? Home Office? Kitas? Haben wir alles, kann Kugel dann sagen. „Nine-to-five-Jobs“ waren gestern, auch in einem Traditionskonzern, cool ist Projektarbeit. Dass die Vorstandsfrau twittert, versteht sich von selbst, vor Instagram und Snapchat schreckt Janina Kugel noch zurück. Die Digital Natives in ihrem Umfeld arbeiten daran.

          So bricht sich der Fortschritt Bahn. Dazu gehört, dass immer mehr Mitarbeiter sich eine Pause gönnen. Die Zahl der Sabbaticals hat um 25 Prozent zugenommen. Tausend Anträge gingen 2015 allein in Deutschland ein, sagt Kugel. 20 Prozent der Arbeit dürfen die Angestellten sowieso ohne große Absprache zu Hause erledigen, im „Home Office“. Elternzeit nehmen immer mehr junge Männer, was laut Kugel als Beleg ihrer Fortschrittlichkeit zu deuten ist: „Jede dritte Elternzeit beantragt ein Vater, auch die Zeiträume werden immer länger.“

          „Clean-Desk-Strategie“

          Wer als Mutter die Baby-Pause abkürzt, möglichst rasch nach der Entbindung wieder in den Beruf einsteigt, wird mit 500 Euro Zuschuss im Monat belohnt. Wer da noch nach dem Wohl des Kleinkindes fragt, ist reaktionär. „Es ist erwiesen, dass die Karriere stockt, wenn man zu lange Pause macht“, sagt Kugel, selbst Mutter von Zwillingen, die an gewöhnlichen Bürotagen darauf achtet, dass sie abends um 18 Uhr nach Hause kommt. „Wenn die Kinder im Bett sind, setze ich mich dann noch mal an den Laptop.“

          In der neuen Zentrale, die sich der Konzern einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag hat kosten lassen, haben nur noch die wenigsten einen festen Arbeitsplatz. „Wir fahren eine Clean-Desk-Strategie“, erläutert Janina Kugel. Das heißt: Wer das Büro verlässt, hinterlässt nichts auf dem Schreibtisch, keine persönlichen Gegenstände am Arbeitsplatz. Am nächsten Tag nimmt da womöglich ein anderer Platz. Man kommt morgens, sucht sich sein Plätzchen in den weitläufigen, offenen Räumen. Früher sagte man Großraumbüro dazu. Heute heißt das „Area“. Oder „Lounge“.

          Zum ungestörten Telefonieren geht es ans Stehpult im kleinen gläsernen Kabuff. Die Festnetztelefone verschwinden, die Mitarbeiter werden gefragt, ob das Smartphone ihnen nicht genügt. Meist reicht das Handy. „One Phone“, so heißt die Aktion, spart der Firma bares Geld. Akten, sofern überhaupt physisch nötig, wandern in den Archivschrank in der Ecke. Die Digital Natives haben es eh nicht so mit Papier.

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