https://www.faz.net/-gqe-u97g

Siemens-Hauptversammlung : Aktionäre gehen mit Siemens-Konzernspitze ins Gericht

  • Aktualisiert am

In Abwehrhaltung: Heinrich von Pierer Bild: ddp

Auf der Siemens-Hauptversammlung gab es harte Kritik an Pierer, Kleinfeld und Co.: „Das Unternehmen schlittert von einer Affäre in die nächste“, sagte Daniela Bergdolt von der DSW. Mehrere Aktionärsvertreter wollen der Konzernführung die Entlastung verweigern.

          Die Siemens-Aktionäre sind auf der Hauptversammlung mit der Führung des krisengeschüttelten Konzerns hart ins Gericht gegangen. „Das Unternehmen schlittert von einer Affäre in die nächste“, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) am Donnerstag vor rund 12.000 Aktionären in München. Der Schmiergeldskandal sei ein Armutszeugnis für die Kontrollsysteme des Unternehmens. Zudem habe die Führung zu langsam auf die Vorfälle reagiert und die Öffentlichkeit über das wahre Ausmaß der Affäre lange im Dunkeln gelassen.

          Die DSW und andere Kleinaktionärsvertreter lehnten daher eine Entlastung der Konzernführung ab. Mit der Abstimmung über die Entlastung, die vor allem symbolische Bedeutung hat, wurde bei einer langen Rednerliste erst für den Abend gerechnet.

          Kritik an schwarzen Kassen und Gehaltserhöhungen

          Es sei überraschend, dass das Verschwinden von 200 bis 420 Millionen Euro in schwarze Kassen in den vergangenen Jahren nicht aufgefallen sei, sagte Henning Gebhardt von der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS. Offenbar sei Siemens zu komplex aufgestellt. „Ein Konzern von dieser Größe ist extrem schwierig zu prüfen und zu kontrollieren.“

          Reger Zulauf bei der Hauptversammlung

          Auch Hans-Christof Hirt vom britischen Fondsmanager Hermes sagte, er sehe sich derzeit nicht in der Lage, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung auszusprechen. Man müsse die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten. „Vorstand und Aufsichtsrat haben die Schmiergeldaffäre aber zumindest nicht verhindert und die Aufklärung spät eingeleitet.“

          In der Kritik stand auch die 30-Prozent-Gehaltserhöhung für den Vorstand. „Die Leitung kann nicht von Arbeitnehmern Opfer verlangen und sich selbst eine Gehaltserhöhung genehmigen“, sagte Aktionärsschützerin Bergdolt. Für die Entwicklung des operativen Geschäfts gab es dagegen auch Beifall.

          Pierer: „Es bedrückt mich persönlich“

          Der in die Kritik geratene Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer sagte vor rund 9.000 Aktionären in der Münchner Olympiahalle, er bedauere die Korruptionsaffäre zutiefst.

          Er habe während seiner Amtszeit als Vorstandschef „ganz wesentliche Schritte zur Bekämpfung der Korruption eingeleitet“, betonte er. „Es bedrückt mich persönlich besonders stark, dass diese Bemühungen nicht in ausreichenden Maß erfolgreich gewesen sind.“

          Pierer räumt Fehler bei Vorstandsgehältern ein

          Die Verantwortung für die Aufklärung der Affäre liege beim Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats, sagte Pierer. Er selbst nehme an den Sitzungen des Ausschusses, die sich um die Affäre drehen, nicht teil. „Damit ist, so meine ich, der Besorgnis der Befangenheit vorgesorgt.“ Aktionärsschützer hatten kritisiert, dass Pierer nun als Aufsichtsratschef Vorfälle aufklären müsse, die zum Großteil in seiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender geschehen sind.

          Pierer räumte zudem bei der umstrittenen beschlossenen Erhöhung der Vorstandsgehälter um 30 Prozent Fehler ein, die vor allem in der Kommunikation gelegen hätten. „Wir werden in Zukunft Gehaltssprünge in dieser Dimension vermeiden“, kündigte der Ex-Vorstandschef unter starkem Beifall der Aktionäre an.

          Pierer verteidigte zudem den umstrittenen Verkauf der später Pleite gegangenen Siemens-Handysparte an den taiwanesischen Konzern BenQ. Vorstand und Aufsichtsrat seien sich damals sicher gewesen, dass Beste für Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre erreicht zu haben. Die Pleite des Handy-Herstellers sei „außerordentlich bedauernswert und für alle Betroffenen sehr schmerzlich.“

          Kleinfeld will Korruptionsskandal als Chance nutzen

          Auch der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzerns, Klaus Kleinfeld, hat den Aktionären auf der Hauptversammlung in München eine umfassende Aufklärung der Korruptionsaffäre versprochen. „Ich versichere Ihnen, wir tun alles, um die Vorfälle umfassend und vollständig aufzuklären“, sagte er. Die aktuelle Situation werde „von Vermutungen, Spekulationen, Anschuldigungen und Verleumdungen dominiert - und enthält leider wohl auch Dinge, die sich später als Fakten herauskristallisieren könnten“, räumte er ein.

          Den Skandal um schwarze Kassen will Kleinfeld als Chance nutzen. „Unser Ziel heißt, auch auf diesem Gebiet Vorbild für andere zu werden“, sagte er. Er selbst sei „fassungslos“ gewesen, als er von den Korruptionsvorwürfen erfahren habe. „Schließlich verbindet man mit Siemens Integrität, Rechtschaffenheit und Vorbildlichkeit“, betonte Kleinfeld. Das erkläre auch, warum die Empörung so groß sei.

          Zwei Coups vor der Hauptversammlung verkündet

          Wenige Stunden vor der Hauptversammlung hatte die Konzernführung noch für weitere Nachrichten gesorgt und zwei wichtige Entscheidungen bekannt gegeben. Zum einen will das Unternehmen den Autozulieferer Siemens VDO ausgliedern und an die Börse bringen. Zum anderen verkündete der Konzern in der Nacht zum Donnerstag den Kauf des amerikanischen Softwareherstellers UGS für insgesamt 3,5 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro) inklusive Schulden. Mit beiden Schritten will sich Siemens für die Zukunft rüsten (siehe dazu: Siemens kauft UGS für 3,5 Milliarden Dollar).

          Auch Quartalszahlen gab es am Vormittag, die trotz der Krise eher positiv auffielen. Im ersten Quartal konnte der Konzern deutliche Steigerungen im operativen Geschäft vorweisen. Der Überschuss in den Monaten von Oktober bis Dezember wurde allerdings von der am Mittwoch verhängten EU-Kartellstrafe belastet (mehr dazu: EU-Kommission: 400 Millionen Euro Strafe für Siemens).

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.