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Siemens : „Es gibt keine längeren Arbeitszeiten bei Siemens“

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„Jeder kann eine weitere Qualifizierung einfordern” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der IG-Metall-Vize Berthold Huber im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Qualifizierungsdruck, die Lösung der Handy-Probleme und den neuen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld.

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          Vor wenigen Tagen hat die IG Metall einen neuen Tarifvertrag für alle 20.000 Siemens-Beschäftigten in den 37 deutschen Niederlassungen - der sogenannten Regionalorganisation D - geschlossen. Dadurch wurde die Trennung zwischen den 8.000 Beschäftigten im Vertrieb und der Auftragsabwicklung, die nach dem Flächentarif auf Basis der 35-Stunden-Woche bezahlt wurden, und den 12.000 Montage- und Servicekräften aufgehoben, für die ein Ergänzungstarifvertrag galt (unter anderem mit 35,8-Stunden-Woche zuzüglich einer unbezahlten Qualifizierungszeit von 50 Stunden im Jahr).

          Der neue Tarifvertrag schreibt die Wochenarbeitszeit nunmehr für beide Beschäftigtengruppen einheitlich bei 35,8 Stunden fest. Auch die zusätzliche Qualifizierungszeit von 50 Stunden im Jahr (umgerechnet 1,13 Stunden je Woche) ist jetzt für alle verbindlich. Dies wurde in den Medien als faktische Einwilligung der IG Metall in die 37-Stunden-Woche gewertet. Der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Berthold Huber, der zugleich Mitglied im Siemens-Aufsichtsrat ist, weist diese Bewertung entschieden zurück.

          Herr Huber, man gewinnt den Eindruck, die IG Metall habe den Forderungen von Siemens nach längeren Arbeitszeiten kaum etwas entgegenzusetzen.

          Dieser Eindruck ist falsch. Im neuen Tarifvertrag für die Siemens-Niederlassungen hat sich an den Arbeitszeiten nichts geändert. Wir haben mit dem Tarifvertrag erreicht, daß eine echte Qualifizierung der Beschäftigten stattfinden kann. Das Besondere an diesem Tarifvertrag ist, daß er auf einen Bereich von Dienstleistungen zugeschnitten ist, in dem die Beschäftigten sich wegen ihrer anspruchsvollen Tätigkeit ständig weiterbilden müssen. Zudem ist es uns gelungen, unterschiedliche Entgeltsysteme für zwei Beschäftigtengruppen in ein kohärentes System zu überführen. Das war ein knifflige Aufgabe.

          Und doch hat die IG Metall faktisch in eine 37-Stunden-Woche eingewilligt - ist das nicht eine Arbeitszeitverlängerung durch die Hintertür?

          Zählt man die 35,8 Stunden Wochenarbeitszeit und die 1,13 Stunden Qualifizierungszeit zusammen, kommt man in der Tat auf 36,93 Stunden. Aber das ist keine generelle Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit - individuell ja, aber insgesamt nein. Im neuen System gibt es so viele Arbeitsstunden wie im alten. Sie sind nur anders verteilt. Früher haben 18 Prozent der Belegschaft 40 Stunden und die restlichen 82 Prozent 35 Stunden gearbeitet, jetzt arbeiten alle einheitlich 35,8 Stunden.

          Die 50 Stunden unbezahlte Qualifizierungszeit kommen doch noch dazu.

          Aber in ihnen findet auch tatsächlich Qualifizierung statt. Damit kann keine tatsächliche Arbeitszeit kaschiert werden. Das ist eine deutliche Verbesserung für 12.000 Beschäftigte.

          Wieso das? Die Qualifizierungszeit gab es bisher auch schon.

          Aber es gab überhaupt keine Entscheidungsmechanismen. Jetzt haben wir das im Kern so geregelt wie im baden-württembergischen Qualifizierungstarifvertrag: Künftig kann jeder Arbeitnehmer Qualifizierung einfordern - natürlich immer im Kontext der betrieblichen Erfordernisse. Wenn er sich mit der Niederlassungsleitung und dem Betriebsrat einigt, kann echte Qualifizierung entstehen.

          Und wenn nicht?

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