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Rüdiger Köhn (kön.)

Neue Linie : Siemens startet einen letzten Versuch

Joe Kaeser will einen „neuen Siemens“ mit Aussichten bauen. Bild: dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser will sein Unternehmen mehr als nur umbauen. Er muss es wiederbeleben und trifft radikale Maßnahmen. Dieser Versuch muss sitzen, sonst steht es um die Zukunft von Siemens schlecht.

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          Siemens ist seit Jahrzehnten mit sich selbst beschäftigt. Zu oft ist einer der größten europäischen Industriekonzerne umgebaut worden, ohne nachhaltigen Erfolg. Immerhin zollten Konkurrenten ab und an Respekt für die Gabe des Konzerns, dennoch erfolgreich gute Produkte zu verkaufen. Doch auch damit ist es seit einigen Jahren vorbei. Das Unternehmen hat oftmals den Anschluss an die großen Wettbewerber verloren. Kurzfristiges Handeln und Taktieren in der Ära Peter Löscher hatten Vorrang vor langfristigen Perspektiven. Kleinstaaterei in der Siemens-Welt war wichtiger als wohlüberlegte Strategien.

          Joe Kaeser versucht nun, mit einem nie dagewesenen Umbau einen „neuen Siemens“ mit Aussichten zu bauen. Seit neun Monaten ist er Vorstandsvorsitzender. Angesichts des Ausmaßes der Umbaumaßnahmen hat er sich nicht viel Zeit genommen. Mit „Siemens – Vision 2020“ fegt er Althergebrachtes weg und bricht mit Tabus. Das energische Auftreten und die ernste Miene des Niederbayern lassen erkennen: Dieser Versuch muss sitzen, sonst steht es um die Zukunft von Siemens schlecht.

          Drei klare Kerngeschäfte

          Um den Anschluss an den Wettbewerb wieder zu finden, hat Kaeser drei klare Kerngeschäfte definiert. Nur unter dem Begriff „Elektrifizierung“ finden sich noch die Wurzeln des 167 Jahre alten Unternehmens; da dreht sich alles um die Produktion von Strom und dessen Verteilung. Die „Automatisierung“ als zweiter Schwerpunkt wird sich zusammen mit der „Digitalisierung“ in der Produktionswelt unter dem Stichwort Industrie 4.0 ausrichten. Für Kaeser sind das die Märkte, auf denen er für Siemens eine Zukunft sieht. Die Vernetzung in der Industrieproduktion findet in der neuen Division „Digitale Fabrik“ ihren Ausdruck.

          Es gibt künftig nur noch neun statt sechzehn Divisionen. Um Siemens wiederzubeleben und agiler zu machen, verschlankt der Vorstandschef die Strukturen radikal. Die bislang zweithöchste Hierarchieebene mit den vier Sektoren Energie, Industrie, Infrastruktur und Medizintechnik wird mit ihren weit mehr als 10000 Mitarbeitern eliminiert; vielen von ihnen droht der Arbeitsplatzverlust. Das Ausmaß zeigt, wie aufgebläht der Apparat geworden ist, was zur Trägheit im Unternehmen beigetragen hat.

          Kaeser-Plan verlangt Disziplin aller Mitarbeiter

          Die Medizintechnik gehört nicht mehr zum Kerngeschäft und wird wegen der anderen Marktverhältnisse eigenständiger geführt werden. Eine Option für den Börsengang ist nicht ausgeschlossen, wie im Fall der ehemaligen Beleuchtungssparte Osram. Ein mentaler Schock für die Beschäftigten ist der Umzug der Energiedivisionen vom Traditionsstandort Erlangen nach Florida. Kaeser begründet das mit der erforderlichen Nähe dieser Geschäfte zum größten Energiemarkt Nordamerika. Mit einer solchen Aussage drohen weitere Umzüge: 86 Prozent des Umsatzes von 76 Milliarden Euro erzielt Siemens im Ausland.

          Der Kaeser-Plan verlangt die Disziplin aller Mitarbeiter. Der Chef fordert diese ein, seine Machtbasis hat er in den vergangenen Monaten gesichert. Nach 34 Jahren Zugehörigkeit zu Siemens kennt er alle Details. Er verfügt über ein engmaschiges Netzwerk. Er hat seine Leute an wichtige Schaltstellen gesetzt – und Widersacher kaltgestellt. Michael Süß etwa, der den größten Sektor Energie verantwortet hat, ist aus dem Vorstand ausgeschieden und wird durch die amerikanische Shell-Managerin Lisa Davis ersetzt. Süß hat sich nicht alles sagen lassen und Widerworte gegeben. Auch Siegfried Russwurm mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Der Ingenieur wird seine Leidenschaft für das Industriegeschäft aber in den Hintergrund stellen müssen. Künftig leitet er die Ressorts Personal und Technologie.

          Siemens sollte die Finger von Alstom lassen

          Reibungsverluste und Geplänkel, wie sie bislang üblich gewesen sind, kann sich Siemens nicht mehr erlauben. Der neue Chef verlangt Unterordnung, fordert gleichzeitig aber auch freieres unternehmerisches Handeln, was einem Drahtseilakt gleichkommt. Die „Vision 2020“ werde Realität werden, verspricht Kaeser. Oft hat der frühere Finanzvorstand zusammen mit Löscher Versprechen abgegeben – um sie später wieder zu kassieren. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist Kaeser aber wandlungsfähig und nimmt neue Herausforderungen an, statt auf Bewährtem zu beharren.

          Von einem aber sollte er die Finger lassen: von Alstom. Siemens lässt sich unnötig auf den Übernahmekampf um den französischen Konkurrenten mit General Electric ein. Nur damit die Amerikaner nicht weiter in den europäischen Vorhof von Siemens vordringen? Ein Kauf von Alstom würde den dringend erforderlichen und kräftezehrenden Umbau gefährden. Integrationsstress und das Herumschlagen mit einer antiquierten französischen Industriepolitik sind da fehl am Platz.

          Es steht einfach zu viel auf dem Spiel – für Siemens und für Kaeser. Wenn es aber einer schaffen kann, dann er. Alstom sollte Siemens eine Mahnung sein: In Frankreich ist der Konzern eine Ikone der Industrie, die den Anschluss an den internationalen Wettbewerb verloren hat. Nun wird sie aufgerieben zwischen den Interessen von General Electric, Siemens und dem französischen Staat.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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