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Kaeser bei den Grünen : „Wenn einer SUV fahren will, dann lassen Sie ihn doch!“

  • -Aktualisiert am

Baerbocks Loblieder auf eine „sozial-ökologische Transformation“ konterte Kaeser mit: „Ich mag dieses Wort nicht so sehr, da fehlt mir der Markt.“ Bild: dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser gibt in Berlin den Grünen-Fan. Nur in einem Punkt gerät er mit der Vorsitzenden Annalena Baerbock dann doch aneinander.

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          Ob Joe Kaeser den von Annalena Baerbock angebotenen Mitgliedsantrag der Grünen tatsächlich ausgefüllt hat, ist nicht überliefert. Weit entfernt davon dürfte er aber nicht mehr sein. Auf dem Wirtschaftskongress der Grünen in Berlin präsentierte sich der Siemens-Chef am Freitag als großer Klimafreund. „Super toll“, „absolut genial“, „echt ganz cool“: Mit diesen Worten bejubelte er den Ausbau der erneuerbaren Energien, den Umbau der Autoindustrie hin zur Elektromobilität und vieles mehr.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der Kongress ist nicht die erste Annäherung der Grünen an die Wirtschaft. Schon seit Monaten suchen die Verantwortlichen der Partei gezielt den Kontakt zu Unternehmen, allen voran die Ko-Vorsitzende Baerbock. Sie sprach im vergangenen Jahr bei der Jahrestagung des BDI; in einem Wirtschaftsbeirat hat die Partei zudem rund 50 nicht nur Grünen-freundliche Manager versammelt, mit denen sie sich regelmäßig trifft. Früher hätten die Grünen der Wirtschaft vor allem gesagt „So nicht“, erinnert sich Baerbock: „Natürlich haben wir uns verändert.“

          Und so war es auch zunächst alles andere als ein Schlagabtausch, der sich da auf der Bühne des Kosmos-Kinos in Berlin-Friedrichshain bot. Zuerst dozierte Kaeser darüber, dass Unternehmen der Gesellschaft dienen müssten, nur deshalb würden sie existieren. Zu dem umstrittenen Projekt von Siemens in einer australischen Kohlemine sagte er: „Das hätten wir nie machen dürfen.“ Rund 16.000 wütende Mails habe er an den Tagen danach erhalten. Seine Lehre: „Die Fakten können sein, wie sie wollen – die Realität wird durch die Wahrnehmung der Menschen bestimmt.“ In Deutschland kann ihm der Kohleausstieg nicht schnell genug gehen: „Es kann doch nicht angehen, dass wir bis 2038 brauchen, damit wir kohlefrei sind. Wenn man will, geht das auch bis 2030.“

          „Das ist der Wohlstand des Landes“

          In einem Punkt aber geriet der Kuschelkurs auf der Bühne dann doch ins Wanken: als es um den Markt ging. Baerbocks Loblieder auf eine „sozial-ökologische Transformation“ konterte Kaeser mit einem „Ich mag dieses Wort nicht so sehr, da fehlt mir der Markt.“ Woraufhin Baerbock entgegnete, der Markt an sich sei erst einmal neutral, weder gut noch schlecht. „Die Politik muss ihn so lenken, dass er zum Wohlstand beiträgt.“

          Die Grünen wollen beispielsweise der Autoindustrie vorschreiben, dass sie einen bestimmten Anteil an klimaneutralem Stahl verbauen muss. 10 Prozent am Anfang, dann nach und nach mehr. Es sind solche Programmpunkte, die Manager wie Kaeser bei aller Klima-Begeisterung immer noch nicht gerne hören. „An der Autoindustrie hängen 2 bis 2,5 Millionen Menschen und ihre Familien“, erinnerte Kaeser. „Das ist der Wohlstand des Landes.“ Dass eigentlich schon heute nur noch Elektroautos neu zugelassen werden dürften, darin waren die beiden dann aber schnell wieder einig.

          „Wenn Sie nächstes Jahr die Regierung stellen, haben Sie nur vier Jahre, das schaffen Sie nie“, sagte Kaeser mit Blick auf die ambitionierten Klima-Ziele der Grünen. Zum Schluss erlaubte er sich deshalb noch „eine kleine Adresse an Ihre Partei“: So sehr er für eine sozial-ökologische Marktwirtschaft – mit der Betonung auf Markt – sei: „Mit Verboten werden Sie das nicht schaffen.“ Darauf gab es ihm bis dahin stillen Saal das erste Mal ein schmerzerfülltes Stöhnen. Und Gelächter, als Kaeser riet, auf sanfteren Wegen das Verhalten der Verbraucher zu verändern. „Wenn einer SUV fahren will, dann lassen Sie ihn doch!“, rief er in den Saal. „Aber dann kostet das halt nicht 500 Euro, sondern 5000 Euro Steuern im Jahr.“ Die Differenz könnten die Grünen ja dann in ihre sozial-ökologische Transformation investieren. Womit der Saal wieder versöhnt war.

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