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Im Visier der Klimaschützer : Siemens-Aktionäre erwarten hitzige Debatten

Umweltaktivisten demonstrieren an der Siemens-Zentrale. Bild: EPA

Umweltaktivisten wollen Siemens-Chef Joe Kaeser mit einer langen Rednerliste unter Druck setzen. Die Rede ist von friedlichen Aktionen und auch von zivilem Ungehorsam.

          3 Min.

          Auf der Hauptversammlung des Siemens-Konzerns braut sich ein unerwartet breiter Widerstand gegen die Beteiligung an der umstrittenen Kohlemine Carmichael des indischen Bergbaukonzerns Adani zusammen. Im Mittelpunkt der Kritik wird Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser stehen. Offensichtlich werden dem Vernehmen nach auch andere Aktionärssprecher mit dem Konzernchef im Umgang mit der seit Mitte Dezember öffentlich ausgetragenen Kontroverse ins Gericht gehen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Selten zuvor hat die Hauptversammlung eines Dax-Konzerns so viel Aufmerksamkeit erzeugt. Das wurde durch eine Pressekonferenz eines Bündnisses von Aktivisten am Mittwoch in München noch angeheizt. Den Ankündigungen von Fridays for Future (FFF), Campact oder Extinction Rebellion zufolge zeichnet sich ein Marathon an Reden ab, um doch noch einen von Siemens unterzeichneten Vertrag zur Lieferung der Signaltechnik für eine Bahnlinie von Adani zu stoppen. Zu den Sprechern von Aktionärsvereinigungen und Investmentsfonds wie DWS, Union Investment oder Deka Investment wird es eine lange Reihe von Umweltaktivisten geben. Genaue Angaben wurden nicht gemacht.

          Andeutungen lassen darauf schließen, dass es durchaus mehr als 20 Wortmeldungen geben kann. Sie erhalten Rederechte von der Gruppe der 641 kritischen Aktionäre mit knapp 90.000 Stimmen. Für FFF wird die aus Frankfurt angereiste Helena Marschall, 17 Jahre, reden. Aber auch FFF-Sprecherin Luisa Neubauer wird im Saal sein und notfalls das Wort ergreifen, sollte etwa Joe Kaeser sie direkt ansprechen. Neubauer traf sich vor drei Wochen mit Kaeser in Berlin. Über ein von ihm unterbreiteten Angebot für einen Aufsichtsratssitz bei der neuen Energietochtergesellschaft Siemens Energy entbrannte eine Kontroverse: FFF bestreitet Kaeser's Behauptung, Neubauer nur einen Posten in einem untergeordneten Gremium offeriert zu haben.

          Die Versammlung muss eigentlich um 23.59 Uhr enden

          Des weiteren will das australische FFF-Pendant mit Varsha Yajman, ebenfalls 17 Jahre alt, Australien School Strike for Climate auftreten. Murrah Johnson tritt als Vertreterin der in der Region Carmicheal lebenden indigenen Stämme Wangan und Jangalingou auf. Sie beansprucht für die Mehrheit zusprechen. Um die Haltung der indigenen Stämme entbrannte ein Streit. Vorstandschef Kaeser sprach davon, dass auch diese dem Adani-Projekt zugestimmt hätten. Johnson bestreitet das. Kursierende Zahlen über eine Mehrheit der Ureinwohner für das Minenprojekt seien fabriziert, lautet ihr Vorwurf.

          Die Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle wird Formen annehmen, die das Unternehmen bisher nicht erlebt hat. Sie wird begleitet durch Demonstrationen. Von 8 bis 20 Uhr gebe es „kreative Aktionen“, sagte Marschall, mit der Demonstration um 14 Uhr als Höhepunkt. Zu den Teilnehmerzahlen werden keine Angaben gemacht. Campact  will einen Appell mit 328.209 Unterschriften aus zwölf Ländern überreichen, um Siemens aufzufordern, den Vertrag über 18 Millionen Euro nicht zu erfüllen – was der Konzern ablehnt und unter anderem mit nicht überschaubaren Schadenersatzforderungen durch Adani begründet.

          Formal muss die Hauptversammlung am Mittwoch um 23.59 Uhr beendet sein. Sonst müsste eine neue Versammlung einberufen werden, sollten die Beschlüsse der Tagesordnung noch bis dahin getroffen worden sein. Das wird eine äußerst geschickte Regie des Aufsichtsratsvorsitzenden und Versammlungsleiters Jim Hageman Snabe erfordern. Er muss eine zu erwartende  angeheizte Stimmung im Saal in den Griff bekommen und versuche, die kontroversen Parteien zu befrieden.

          „Wir wollen Siemens nicht sabotieren“

          Lukas Schnemann von Extinction Rebellion betonte, dass es sich um friedliche Aktionen handeln werde, sprach aber auch von zivilen Ungehorsam. Das Agieren sei nicht gegen Siemens an sich gerichtet, sondern gegen die Versuche des „Greenwashing“; sich umweltfreundlich zu geben und CO2-Neutralität bis 2030 im Unternehmen erreichen zu wollen, aber auf der anderen Seite eine der größten Kohlebergbauprojekte der Welt zu ermöglichen. Die geplante Menschenkette würde nicht den Zugang zur Hauptversammlung blockieren, beschrieb Marschall die Absichten. Vielmehr sollten die Aktionäre begrüßt und mit ihnen gesprochen werden. „Wir wollen Siemens nicht sabotieren, sondern eine klare Entscheidung, dass sie den Mut haben aus dem Vertrag herauszugehen“, sagte er.

          Am Mittwoch sei die letzte Chance für den Traditionskonzern, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen, sagte Lara Eckstein von Campact. Würde der Vertrag nicht gekündigt, würde der Ruf von Siemens ein für alle mal verloren gehen. Mehrfach zitierten die Gegner Black Rock als größter Investmentfonds der Welt; hinter der Familie Siemens (6 Prozent) sind die Amerikaner nach letztem Kenntnisstand mit 5,6 Prozent zweitgrößter Aktionär von Siemens. Dessen Chef Larry Fink hat Unternehmen zu mehr Anstrengungen für den Klimaschutz aufgerufen und sich gegen klimaschädliches Verhalten gewendet. Für die Aktivisten entwickelt sich Fink zu  so etwas wie ein Anwalt.

          Am Montag hatte Greenpeace vor der Frankfurter Deutschland-Zentrale von Black Rock demonstriert und von gefordert, dem Siemens-Vorstand die Rote Karte zu zeigen. Das Adani-Projekt ist für die Aktivisten zum Sinnbild des Widerstandes geworden –  was sie auch ganz offen zugeben. Lara Eckstein von Campact antwortet unmissverständlich auf die Frage, warum Adani und Siemens im Fokus stehen, nicht aber zahlreiche andere umstrittene Projekte auf der Welt: „Da haben wir keine Aufmerksamkeit, auch wenn wir genauso dagegen sind.“ Es gehe um eine pointierte Kampagne, um etwas zu erreichen.

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