https://www.faz.net/-gqe-pwvi

Siemens AG : Handys zu verschenken

  • -Aktualisiert am

Ab 28. Januar ist er offiziell der neue Siemens-Chef: Klauf Kleinfeld Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Klaus Kleinfeld folgt Heinrich von Pierer. Wer ist der Nachfolger, was will er im Unternehmen verändern und wer sind seine internen Rivalen? Die wichtigsten Fragen an den neuen Siemens-Boß.

          2 Min.

          Die Dramaturgie für die Stabübergabe steht: Am Donnerstag 10.15 Uhr hält Heinrich von Pierer in der Münchner Olympiahalle seine letzte Rede als Siemens-Chef.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine gute Stunde wird er zu den Aktionären sprechen. Dann wird ihn die Hauptversammlung in den Aufsichtsrat wählen. Und an die Spitze des Konzerns rückt der Manager, der seit Monaten darauf vorbereitet wurde: Klaus Kleinfeld. Von Freitag, 28. Januar, 0 Uhr an darf er sich offiziell Vorstandsvorsitzender der Siemens AG nennen.

          Was ist der Neue für ein Mensch?

          Geboren 1957 in Bremen, BWL-Studium, Promotion und ganz viel Siemens, das sind die wesentlichen Daten aus Kleinfelds Lebenslauf. Verheiratet ist er mit einer ehemaligen Schulfreundin, ansonsten gilt seine Liebe der Lyrik, der Oper und dem Marathon-Lauf.

          Wie kam er an die Spitze?

          Mit einem Netz an Unterstützern im Konzern und unglaublicher Dynamik, abzulesen schon an den zehn verschiedenen Stationen in 17 Jahren Siemens. Prägend war die Zeit als Chef von Siemens in New York. Seither hat Kleinfeld ein Faible für amerikanische Management-Literatur und schwärmt von Amerika als Vorbild für die Modernisierung Deutschlands.

          Wird Siemens jetzt ein amerikanischer Konzern?

          Keine Bange, so weit wird es nicht kommen: Die Siemens-Zentrale bleibt am Wittelsbacherplatz in München. Nur wird dort künftig mehr Englisch geredet.

          Werden Jobs in Deutschland verschwinden?

          Das steht zu befürchten. Zumindest werden per saldo keine neuen Stellen hierzulande geschaffen. Von den 430000 Siemens-Angestellten arbeiten heute 164000 in Deutschland, das sind 38 Prozent der Belegschaft, die aber nur 20 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Dieses Verhältnis wird Kleinfeld geraderücken. Nicht von heute auf morgen, aber im Trend. Als eine der ersten Amtshandlungen muß er einen Stellenabbau verkünden. Mehr als 1000 Jobs bei Siemens Com, dem Herz des Konzerns, sollen wegfallen. Wo und wie, darüber will Kleinfeld dem Betriebsrat gleich am Freitag Auskunft geben.

          Was passiert mit den Handys?

          Die Handy-Sparte macht jeden Tag mehr als eine Million Euro Verlust und hat deshalb nur noch eine Gnadenfrist. Schließen, verkaufen oder sanieren, das sind die drei Optionen, die Pierer vorgegeben hat. Am liebsten würde Siemens die Mobiltelefone in ein Joint-venture einbringen. LG wäre ein perfekter Partner. Nur haben die Koreaner diese Woche abgewunken. Das offenbart das ganze Problem der Verhandlungen: Niemand will die Siemens-Handys. Nicht mal geschenkt. Kleinfeld müßte Interessenten noch Geld mitgeben, damit ihm jemand das Geschäft vollständig abnimmt, heißt es in einem Analystenbericht. Zudem verlöre der Konzern bei einem Komplettverkauf den Einfluß auf den Markennamen. Die Totalverkauf-Option gilt als unwahrscheinlich. Unrealistisch ist die Schließungsvariante. An die 10000 Arbeiter stünden dann auf der Straße, und Siemens hätte ein ernsthaftes Image-Problem: Erst im Sommer hatte Pierer den Mitarbeitern in Kamp-Lintfort und Bocholt den Erhalt der Standorte versprochen, nachdem die in die 40-Stunden-Woche einwilligten. Bleibt die Sanierung im Alleingang. Das aber wird teuer. Kleinfeld muß wohl einen Joint-venture-Partner finden.

          Wird der Aktienkurs steigen?

          Das hoffen die Investoren. Sie messen Kleinfeld daran, ob es ihm gelingt, Siemens so profitabel wie General Electric oder Samsung zu machen. Die GE-Aktie stieg binnen zehn Jahren um 423 Prozent, Siemens um 273 Prozent. Wie der Kurs auf Kleinfelds Antritt reagiert, hängt von den Handys ab. Das schlimmste Signal für die Kapitalmärkte wäre ein Festhalten an der Handy-Sparte. Präsentiert er dagegen einen Joint-venture-Partner, gäbe das der Aktie Auftrieb.

          Wer sind die internen Rivalen?

          Der verbliebene Konkurrent im Rennen um den Chefposten war Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger. Auf den ausgewiesenen Fachmann ist Kleinfeld künftig angewiesen. Die anderen Aspiranten haben den Konzern entweder verlassen (Ulrich Schumacher) oder landeten zahnlos im Zentralvorstand: Thomas Ganswindt, Rudi Lamprecht, Johannes Feldmayer

          Wieviel Freiheit läßt Pierer dem Nachfolger?

          Der scheidende Vorstandschef sieht seine künftige Rolle als die eines aktiven Oberaufsehers. Er werde dem Nachfolger aber wenig reinreden, hat Pierer versprochen und angekündigt, sich künftig vor allem in Erlangen aufzuhalten und nicht in dem ihm zustehenden Büro auf dem Flur des Vorstandsvorsitzenden am Wittelsbacherplatz.

          Weitere Themen

          Das Ringen um die Strategie der EZB beginnt

          Inflationsziel : Das Ringen um die Strategie der EZB beginnt

          Einen Tag nach der ersten Sitzung des EZB-Rats mit seiner neuen Chefin Christine Lagarde nimmt die Debatte um die Strategie der Notenbank an Fahrt auf: Passt das Ziel der Euro-Notenbank noch in die Zeit?

          Topmeldungen

          Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden im Juli 2013 in der Ostsee gezielt gesprengt.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

          Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

          Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.
          Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

          Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

          Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.