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Brisanter Konzern-Umzug : Auch Shell verlässt die Niederlande

Greenpeace-Aktivisten in Aktion: Protest gegen Shell in Rotterdam Bild: Reuters

Der Konzern zieht nun ganz nach London um. Die Politik zeigt sich „unangenehm überrascht“. Dass die steuerliche Behandlung eine Rolle spielt, erscheint offensichtlich. Inzwischen ist auch das Meinungsklima zunehmend giftig.

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          Die Niederlande verlieren auch ihren zweiten binationalen Industrieriesen. Der niederländisch-britische Ölkonzern Shell will – ganz ähnlich wie vor einem Jahr Unilever – seine Doppelstruktur aufgeben und ganz nach London ziehen. Dorthin soll der Steuersitz wandern, dort sollen der Vorstandsvorsitzende Ben van Beurden und Finanzchefin Jessica Uhl angesiedelt sein. Der Sitz in Den Haag hat das Nachsehen. Die Politik zeigt sich überrumpelt: „Unangenehm überrascht“ sei das Kabinett, sagte der geschäftsführende Wirtschaftsminister Stef Blok von der rechtsliberalen Partei VVD des Ministerpräsidenten Mark Rutte.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Somit verlässt innerhalb kurzer Zeit ein international bekanntes Konzernduo das Land, das viele Jahre die Liste der schwersten Mitglieder im 25 Werte umfassenden niederländischen Leitindex AEX angeführt hatte. Shell argumentierte, eine einheitliche Aktienstruktur erleichtere dem Unternehmen Rückkäufe und seine Rolle in der Energiewende. Die Anteilseigner sollen am 10. Dezember über den Plan abstimmen. Aus dem offiziellen Namen „Royal Dutch Shell“ fallen sowohl das „Königliche“ als auch das „Niederländische“ weg: als „Shell“ firmiert das Unternehmen dann.

          Die Entscheidung vollzieht sich vor dem Hintergrund wachsender Kritik in den Niederlanden, Großkonzerne gäben der Gesellschaft zu wenig zurück. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der EU ist bekannt für unternehmensfreundliche Politik. Nicht umsonst wählen viele internationale Konzerne ihren Sitz hier. Das hat zum einen mit vorzüglicher Infrastruktur einschließlich des Flughafens Schiphol zu tun, auch mit gut ausgebildeten Fachkräften mit guten Englischkenntnissen. Zum anderen laden – international viel kritisierte – Regeln zur Steuerminimierung ein.

          „Nichts ist permanent“

          In den Fällen Unilever und Shell spielt höchstwahrscheinlich auch die Steuer eine Rolle, allerdings ein anderer Aspekt: nämlich eine Dividendensteuer, die es so in Großbritannien nicht gibt. Rutte hatte 2017 geplant, diese Steuer abzuschaffen – was den mit Abwanderung liebäugelnden Lebensmittel- und Waschmittelkonzern Unilever im Land halten sollte. Ursprünglich wählte Unilever tatsächlich Rotterdam als Einheitssitz, doch dagegen machten britische Aktionäre Front, weil die Aktie aus dem Londoner Leitindex FTSE 100 zu fallen drohte. Dann traten die beiden mächtigsten Männer im Verwaltungsrat ab, Vorstandsvorsitzender Paul Polman und Aufsichtsratschef Marijn Dekkers – beides Niederländer. Ihnen folgten ein Brite, der Schotte Alan Jope, und der Däne Nils Andersen. Damit war nach Auffassung aus Konzernkreisen der Sprung nach London vorbereitet – was sich bewahrheitete.

          Das Vorgehen stieß auf viel Kritik in den Niederlanden – wo ohnehin das Gebaren von Großkonzernen und ihren Managern kritisch beäugt wird. Das ist auch der Arbeitgeberorganisation VNO-NCW nicht entgangen. Die analysierte kürzlich gesellschaftliche Trends im Land. „Dabei haben wir auch gesehen, dass es eine negative Stimmung gegenüber Unternehmen gibt – ein bisschen wie in den Siebzigerjahren“, sagte die VNO-NCW-Vorsitzende Ingrid Thijssen im März im F.A.Z.-Gespräch in Den Haag. Die Organisation äußerte sich am Montag auch enttäuscht zur Entscheidung Shells. „Das ist ein enormer Aderlass für die Niederlande“, hieß es. Dadurch verschlechtere sich das Standortklima.

          Im Fall Shell wurden die ersten Aktien des niederländischen Zweigs (in Amsterdam) und des britischen Geschäftszweigs (in London) jeweils Ende des 19. Jahrhunderts ausgegeben. 1907 gingen die beiden Unternehmen Koninklijke Olie und Shell Transport and Trading eine enge Zusammenarbeit ein, ohne vollständig zu fusionieren. Erst 2005 wurde die jetzige Doppelstruktur des Unternehmens geschaffen, wobei es weiterhin zwei Aktiensorten gab.

          Nach der Entscheidung Unilevers hatte es schon Befürchtungen gegeben, Shell könnte folgen. Van Beurden sprach im vergangenen Jahr von einer Option dazu. „Sie müssen immer über die Dinge nachdenken. Nichts ist permanent, und natürlich schauen wir uns das Klima für die Standortbedingungen an“, sagte er der Wirtschaftszeitung FD (Financieele Dagblad). „Aber eine Zentrale zu verlegen ist keine triviale Maßnahme, das sollte man nicht leichtfertig tun.“

          Dass in den „Standortbedingungen“ die steuerliche Behandlung eine Rolle spielte, erscheint offensichtlich. Inzwischen ist das Meinungsklima zunehmend giftig. In den Medien wird der Konzern im Zuge der Klimadiskussion noch kritischer gesehen. Im Mai errang die Umweltorganisation „Milieudefensie“ einen aufsehenerregenden Teilsieg gegen den Konzern: Das Bezirksgericht in Den Haag ordnete an, Shell müsse seine Nettoemissionen bis 2030 um 45 Prozent senken und damit stärker als nach den bisherigen eigenen Plänen.

          Vorigen Monat machte der in den Niederlanden beheimatete größte europäische Pensionsfonds ABP eine Kehrtwende und kündigte an, sich von allen Öl-, Gas- und Kohlewerten einschließlich eines mehrere Hundert Millionen Euro schweren Pakets an Shell zu trennen. Auch im Ausland gibt es einen neuen Gegenspieler: Der aktivistische Aktionär Daniel Loeb mit seiner amerikanischen Gesellschaft Third Point fordert, der Ölkonzern solle sich aufspalten: im Kern in ein Unternehmen für fossile Brennstoffe und eines für erneuerbare Energien.

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