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„Sharing Economy“ : Können Sozialisten besser teilen?

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Dumm nur, dass es bei der „Sharing Economy“ nach dem Vorbild von Airbnb und Drive Now nicht um nachbarschaftliche Gefälligkeiten, um die gemeinschaftliche Nutzung vormals privater Güter oder gar deren selbstloses Überlassen an bedürftige Dritte geht. Wer teilt sich beispielsweise beim Carsharing überhaupt ein Auto mit wem? Kunde A mit Kunde B und C, die vor oder nach ihm denselben Wagen von Drive Now fahren? Oder der Dax-Konzern BMW mit ihnen allen nacheinander? Oder ist das Ganze nicht doch einfach nur eine mehr oder weniger spontane Automiete ohne feste Mietstationen, technisch ermöglicht durch die Ortungsfunktion des Smartphones?

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Bei Airbnb gibt es zwar Privatleute, die ihre eigenen Wohnungen an andere Privatleute vermieten. Aber unter sie mischen sich sehr viele gewerbliche Vermieter, die gleich mehrere Wohnungen inserieren. Noch eine Widersprüchlichkeit: Die Plattform will nach eigener Auskunft steigenden Mieten und Wohnraumknappheit in Großstädten entgegensteuern, immerhin sollen ja möglichst keine Wohnungen mehr leerstehen. Aber wenn in manchen Vierteln reihenweise Wohnungen ausschließlich als Airbnb-Unterkünfte genutzt werden, vergrößert sich das Ursprungsproblem dadurch sogar noch zusätzlich.

All das spricht dafür, die „Sharing Economy“ nicht als Spätform sozialistischer Kollektivierungsversuche einzuschätzen, sondern als eine durch und durch kapitalistische Angelegenheit. „Plattformkapitalismus“ wäre dann die bessere Bezeichnung. Das verträgt sich übrigens bestens mit der Beobachtung, dass nicht die Amerikaner, sondern die Chinesen dafür besonders empfänglich sind. So dynamisch wie in China kommt der Kapitalismus inzwischen schließlich kaum irgendwo auf der Welt zum Zug.

Eine App, die fast alles kann

In China fährt man nicht nur auf dem geliehenen Fahrrad zur Arbeit. Bei schlechtem Wetter leiht man auch kurzerhand den Regenschirm gegen einen kleinen Preis aus. Wenn der Akku des Smartphones mal wieder leer ist, lädt ihn die geliehene Power Bank wieder auf. Und für eine Runde Basketball muss niemand einen eigenen Ball mitbringen, den spuckt der Automat am Court nach dem Bezahlen aus. Aber hinter all dem stehen nicht private Leihgeschäfte, sondern kommerzielle Anbieter, die nicht bloß zwischen Privatleuten mit zueinander passenden Angeboten und Bedürfnissen vermitteln, sondern die auszuleihenden Güter gleich selbst bereitstellen.

Eine Voraussetzung dafür, dass all das funktioniert, ist die Verbreitung von Bezahl-Anwendungen für das Smartphone. Sie sind in China heute fast so normal wie bei uns das Bezahlen mit Bargeld an der Kasse. Das ist für die „Sharing“-Angebote wichtig, weil sie in der Regel ohnehin mit einer App genutzt werden. Man benutzt das Smartphone, um das nächste freie Auto oder Fahrrad zu finden. Da liegt es nah, auch damit zu bezahlen.

Die chinesischen Internetkonzerne Alibaba und Tencent haben hierfür ihre eigenen Online-Bezahldienste. Während Alipay ein reiner Bezahldienst ist, so ist We-Chat von Tencent mit fast einer Milliarde Nutzern eine App, die fast alles kann: Damit versenden die Leute Sprachnachrichten, Fotos oder Videos, telefonieren und können ihren aktuellen Standort mitteilen, so ähnlich wie mit Whatsapp also. Aber darüber hinaus können sie mit We-Chat auch Essen bestellen, den Termin beim Arzt vereinbaren, einen Tisch im Lieblingsrestaurant reservieren und beinahe im Vorbeigehen die Flasche Wasser am Kiosk bezahlen. Oder eben die Leihgebühren für Regenschirm, Basketball und Power Bank.

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