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Sexismus-Kommentar : Warum die Arschlöcher gewinnen

  • -Aktualisiert am

Es gibt eine große Nähe zwischen Macht, Sex, Geld und Erfolg, das zeigt der Fall um Harvey Weinstein. Hier kommt die Erklärung, wieso das so funktioniert.

          Wir müssen uns Harvey Weinstein als mächtigen Mann vorstellen: Filmproduzent in Hollywood, Chef von „Miramax“ und „Weinstein Company“, berühmt geworden mit Filmen wie „Der englische Patient“, „Shakespeare in Love“, „The King’s Speech“ und vielen anderen Blockbustern. Angesichts dieser Erfolge rangierte der Mann in Hollywood noch vor Steven Spielberg und nur kurz nach dem lieben Gott.

          Aber Weinstein ist auch ein Monster. Anfang vergangener Woche erschienen in Amerika Berichte, die mit erdrückenden Belegen den Nachweis führen, dass der Medien-Mann über die vergangenen Jahrzehnte eine Vielzahl von Frauen sexuell missbraucht und ein System brutaler persönlicher Macht aufgebaut hat. Weinstein wurde daraufhin von seinem eigenen Unternehmen, Weinstein Company, fristlos entlassen und zitiert mit den Abschiedsworten, er müsse eine Auszeit nehmen, „um seinen Dämon in den Griff zu bekommen“.

          Es geht um die „dunkle Seite“ der Macht

          Was folgt daraus? Erstens: Offenbar gibt es eine große Nähe zwischen Macht, Sex, Geld und Erfolg. Biowissenschaftler machen das Hormon Testosteron dafür verantwortlich. Zweitens: Machtmissbrauch bleibt häufig jahrelang unentdeckt, obwohl er passiert und alle wissen oder ahnen, was passiert. Man nennt das ein „offenes Geheimnis“: Weinstein hatte ein sehr ausgeklügeltes System, aufgebaut aus Loyalität, Belohnung, Drohung und Scham bei den Opfern, das ihm seine widerliche Macht sicherte. Drittens: Weinstein hat seine Macht zwar diabolisch genossen. Er sieht sich aber selbst (auch) als Opfer, wenn er von seinem „Dämon“ spricht, einem „Trieb“ also, der Macht über ihn ausübt.

          Wir haben es mit der „dunklen Seite“ der Macht zu tun. Der Übergang von hell nach dunkel kann dabei, so gerne man es hätte, leider nicht scharf konturiert werden. Agnieszka Holland, eine polnische Filmemacherin, die bei einigen Folgen von „House of Cards“ Regie führte, sagte in einem Making-of der Serie, es sei für sie außerordentlich verstörend, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Leute mitfühlend Anteil am Schicksal böser Machtmenschen nähmen. Wir wissen, dass der Politiker Frank Underwood, die Hauptperson von „House of Cards“, für den Erwerb und den Erhalt der Macht über Leichen geht. Anstatt uns angewidert abzuwenden, fasziniert uns der Mann, und wir bleiben dran.

          Warum ist das alles so? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Vermutungen. Vieles spricht dafür, dass unsere Faszination für Schurken und Ekel so lange bestehen bleibt, wie die Kotzbrocken hinreichend reich und erfolgreich sind. Geld und Status gewinnen unsere Aufmerksamkeit und zwingen uns in eine Abhängigkeit – auch von Bösewichten, schreibt Jeffrey Pfeffer, ein Wirtschaftsprofessor an der Universität Stanford in Kalifornien, in einer Abhandlung mit dem Titel „Warum die Arschlöcher gewinnen“ im „Journal of Management Studies“. Danach ist es für das Ansehen ziemlich uninteressant, was jemand für die Menschheit oder die Umwelt leistet: Geld übertrumpft alles. Denn Geld, so Pfeffer, werde als ein Signal von Kompetenz und Bedeutsamkeit verstanden – völlig unabhängig von der Frage, ob es „objektiv“ so ist.

          Diese Abhängigkeit von Geld und Erfolg wirkt in doppelte Richtung: Viele Frauen, die Weinstein so schamlos benutzt hat, werden den Typ irgendwie auch bewundert haben. Wir ziehen von großartigen wirtschaftlichen Erfolgen Rückschlüsse auf positive Kräfte der Akteure, was deren Machtposition nur noch vergrößert. Dass die Opfer sich die Unterwerfung gefallen ließen, liegt an der Androhung wirtschaftlicher Nachteile: Wer nein sagt, bekommt keine Rolle im Film. Wer plaudern will, dem wurde von Weinsteins Anwälten mit Geld der Schneid abgekauft.

          Unternehmen sind hierarchische Gebilde, angewiesen auf Loyalität. Es bleibt irritierend, dass genau diese Bedingung des wirtschaftlichen Erfolgs auch zum Schmiermittel der Niedertracht werden kann. In La-La-Land lässt es sich besichtigen. Nicht nur im Film.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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