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Hamburg : Protest im Puff

Auf der Großen Freiheit in Hamburg, Nebenstraße zur Reeperbahn, Deutschlands bekanntester Rotlichtmeile Bild: dpa

Die Regierung will Prostituierte mit einem Gesetz schützen. Doch viele Prostituierte fürchten, dass gerade das neue Gesetz sie in die Illegalität treibt.

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          Hamburg mit seinem Kiez auf der Reeperbahn und seinem Bahnhofsviertel St. Georg zählt zu den bekanntesten Rotlichtvierteln der Welt. Hier, aber auch in anderen Rotlichtvierteln in Deutschland, herrscht Aufruhr unter den Sexarbeiterinnen. Undine de Rivière, in der Hansestadt auch als „Bizarr-Lady“ bekannt, hat in ihrem Domina-Studio St. Georg neben einem Arsenal von Peitschen und Fesseln ein Streckbrett stehen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Doch wenn sie an Folterwerkzeuge denkt, denkt sie in diesen Tagen an etwas ganz anderes: Ein Folterwerkzeug für Sexarbeiterinnen ist in ihren Augen das von der großen Koalition in Berlin geplante Prostituiertenschutzgesetz. „Das Gesetz ist ein Rieseninstrumentarium, um Sexarbeit zu verdrängen“, sagt sie. „Es ist kein Prostituiertenschutzgesetz, sondern ein Prostituiertenkontrollgesetz.“ Die Domina sieht im Gesetzentwurf einen Angriff des Staates, ihren Beruf auch in Zukunft frei auszuüben.

          Nicht nur Professionelle wie Undine de Rivière, auch Beratungsstellen, Hilfsorganisationen von der Diakonie bis zur Aids-Hilfe und Sozialwissenschaftler halten wenig von den Plänen der Bundesregierung, die in diesem Monat vom Kabinett beschlossen werden sollen.

          Unter dem Motto „Sexarbeit im Zeichen des Prostituierten-Schutzgesetzes“ haben sich viele von ihnen bis Freitag in Hamburg zum Sexarbeitskongress getroffen. Beifall für die Berliner Pläne gab es nicht. Im Gegenteil: Viele der Sexarbeiterinnen, wie sie sich selbst nennen, fürchten, dass das neue Gesetz sie in die Illegalität treibt, dass die Unterwelt und die Zunft der Zuhälter wieder an Macht gewinnen.

          „Ähnlich wie ein Berufsverbot“

          Die Prostituierten kritisieren vor allem die geplante Meldepflicht: Nicht nur sie, auch der Bund Deutscher Juristinnen sieht darin einen Eingriff in die Berufsfreiheit. „Steuer zahle ich doch schon“, sagt Fabienne Freymadl. Wenn Sexarbeiterinnen künftig ihr Gewerbe beim Amt anmelden müssen, wenn sie registriert sind und einen „Hurenausweis“ bekommen, den sie bei der Arbeit stets bei sich tragen müssen, müssen sie sich öffentlich outen.

          Studentinnen, Hausfrauen, alleinerziehende Mütter - viele von ihnen verdienen sich mit Sex etwas hinzu. Zwischen 200.000 und 400.000 Frauen gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland, die sich regelmäßig oder gelegentlich prostituieren. Die Familien, die Kollegen oder Freunde wissen oft nichts davon. Mit der Meldepflicht wird den Frauen diese Sicherheit der Anonymität genommen.

          „Für mich ist das ähnlich wie ein Berufsverbot“, sagt Tanja Sommer aus Regensburg. Die Rothaarige ist seit Jahren als Escort-Lady in Hotels in ganz Deutschland unterwegs. Will sie sich künftig am Rande eines Kongresses mit einem Freier treffen, muss sie das vorher im jeweils zuständigen Amt anmelden. Sommer erwartet, dass sich viele Frauen nicht registrieren lassen, weil sie Sex nur im Geheimen verkaufen.

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