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Seniorengenossenschaft : Altersvorsorge ohne Inflationsangst

Alle fassen mit an: Senioren in Riedlingen unterstützen sich im Alltag Bild: F.A.Z.

In Seniorengenossenschaften helfen sich Menschen gegenseitig und sparen Arbeitsstunden für das Alter an. So stopfen die Senioren Lücken, die im Rentensystem wachsen. Von der Politik sind die Initiatoren enttäuscht.

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          Frankfurt, 4. Januar. Josef Martin ist ein gefragter Mann. Im Wochentakt stehen die Besucher bei dem 77 Jahre alten Pensionär vor der Tür. „Sie kommen aus dem ganzen Land, sogar aus Japan war schon eine Delegation hier“, sagt der Mann, der in Riedlingen lebt, einer beschaulichen Kommune südlich der Schwäbischen Alb. Egal, wer kommt, die Fragen sind immer dieselben: Wie funktioniert es, das Konzept, das Senioren ermöglicht, in ihren eigenen vier Wänden alt zu werden und das von der Eigeninitiative der Menschen lebt, und nicht von staatlichen Transfers?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Josef Martin hat Antworten. Er ist Initiator und eines von 650 Mitgliedern der „Seniorengenossenschaft Riedlingen“. Unter dem Dach dieser Organisation helfen ältere Menschen, die dazu in der Lage sind, noch älteren Menschen, die darauf angewiesen sind, im Alltag. Sie putzen, sie gehen einkaufen, sie waschen die Wäsche und sie liefern warme Mahlzeiten. Die Besonderheit: Sie tun das nicht aus Solidarität allein, sie sorgen mit jeder Stunde Arbeit für ihre eigene Zukunft vor. Denn die Helfer können sich die Arbeitsstunden nicht nur direkt bezahlen lassen, alternativ können sie die Stunden auf einem Zeitkonto ansparen und sie einlösen, sobald sie selbst Hilfe benötigen. „Zeit“, sagt Martin, „ist eine Währung, der Inflation nichts anhaben kann.“

          „Wir sind angetreten, um die Lücken im sozialen System zu schließen“

          Die Idee der Seniorengenossenschaft ist nicht neu, aber sie wurde noch nie so dringend gebraucht wie heute. Josef Martin merkt das an den Besuchen, Anrufen und Anfragen, die seit etwa zwei Jahren rapide zunähmen. Immer mehr Bürger sind alarmiert, weil Politiker, Forscher und Betroffene vor Einsamkeit und Armut im Alter warnen, weil schon heute oft das Geld und die Infrastruktur für eine bezahlbare, gute Betreuung fehlen. Pflegekräfte sind Mangelware - riesig ist dagegen das Potential rentennaher Jahrgänge: 2025 ist jeder Dritte zwischen 55 und 68 Jahre alt, heute ist es nur etwa jeder Fünfte. Gefragt sind deshalb Ansätze, welche die bestehenden Rentensysteme ergänzen können und mehr zu bieten haben als ein paar zusätzliche Euro am Monatsende. Josef Martin ist überzeugt, dass bürgerschaftliches Engagement die Probleme einer ergrauenden Gesellschaft lindern kann: „Wir sind angetreten, um die Lücken im sozialen System zu schließen“, sagt der Pensionär, „bei uns ist einer für alle da und alle für einen.“

          Lothar Späth brachte die Idee aus Amerika mit

          Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth brachte die Idee der Seniorengenossenschaft Anfang der 1990er Jahre von einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten mit in seine Heimat. In dem süddeutschen Bundesland entstanden auf Initiative des CDU-Politikers knapp ein Dutzend Modellprojekte, eines davon in der 10 000 Einwohner zählenden Kommune Riedlingen. Das Konzept beruht auf einem Phänomen, dass der französische Soziologe Claude Lévi-Strauss 1949 als „generalisierten Austausch“ betitelt hat: Einen Austausch, bei dem erbrachte Leistungen „Gaben-Charakter“ besitzen, weil sie erst mit einem zeitlichen Abstand und vielleicht auch von einer anderen Person vergolten werden.

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