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Sellafield in England : Die Atomstadt

Eng verbunden: Im britischen Sellafield leben die Menschen dicht am Plutoniumlager Bild: Marcus Theurer

Kaum irgendwo hat die Nuklearindustrie so viele trotzige Unterstützer wie in der Gegend um das britische Sellafield. Ein Besuch im größten Plutoniumlager der Welt.

          8 Min.

          Wenn Ihnen eine mögliche Gefahrenquelle auffällt, dann weisen Sie uns bitte darauf hin“, sagt die Begleiterin, bevor wir in den Kleinbus steigen. „Außenstehende sehen ja manchmal mehr.“ Man traut seinen Ohren nicht, aber die Bitte ist wohl ernst gemeint. Willkommen in Sellafield, dem größten Atommülldepot der Welt. Vor uns kommt ein übermannshoher Zaun mit Stacheldrahtrollen obendrauf in Sicht. Der Bus schleicht im Schritttempo durch einen Hindernisparcours aus schweren Betonblöcken vor dem Eingangstor. Ein Sicherheitsmann im signalgelben Regenmantel kontrolliert die Zugangskarten, die um unseren Hals baumeln. Die Kollegen mit den Maschinenpistolen bleiben heute lieber drinnen in ihren Kabinen, wo es trocken und warm ist. Das Wetter ist einfach zu schlecht, um im Regen herumzustehen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nirgendwo sonst lagert so viel hochradioaktives Plutonium wie in dieser Atomanlage im nordwestlichsten Zipfel von England an der Irischen See. Eingeatmet sind selbst winzige Mengen Plutonium krebserregend. Für die Atombombe von Nagasaki genügten ganze sechs Kilogramm Plutonium. In Sellafield liegen davon rund 112.000 Kilogramm, eine astronomisch große Menge. Gelbes Pulver, abgefüllt in Metallzylinder. Das Plutonium ist ein Residuum aus der Aufbereitung abgebrannter Atombrennstäbe. Seit fast fünf Jahrzehnten werden hier Brennelemente aus der ganzen Welt aufgearbeitet. Deutschland war bisher einer der größten Kunden.

          Im Ausland gilt Sellafield als ein Monstrum des Atomzeitalters. Nachbarländer wie Irland und Norwegen beschweren sich seit Jahrzehnten über die Nuklearfabrik der Briten, weil die auch ihre Küsten vergifte. Die berüchtigte und streng bewachte Anlage in der abgelegenen Region West Cumbria ist sechs Quadratkilometer groß. Rund 1400 Gebäude umfasst dieses größte Industriegelände Großbritanniens. Es ist eines der gefährlichsten der Welt. Im Jahr 2018 soll auch der letzte Teil der Wiederaufbereitungsanlage geschlossen werden, denn die Nachfrage fehlt. Seit der Atomkatastrophe von Fukushima gibt es kaum noch internationale Kunden. Was dann zurückbleibt, ist ein strahlendes Ruinengelände. Eine nukleare Albtraum-Stadt, vollgestopft mit bedrohlichen Altlasten.

          Wie ein düsteres Museum der Atomwirtschaft

          Der Kleinbus steuert auf einen massigen Betonschlot zu. Es ist der Kamin von Windscale, einem stillgelegten militärischen Atomreaktor, in dem die britische Regierung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann, Plutonium für Nuklearwaffen herzustellen. Das ging nicht lange gut. 1957 wütete im Kamin von Windscale ein Feuer, es war der bis heute schlimmste Atomunfall in Großbritannien, und noch immer ragt der 125 Meter hohe Kamin weithin sichtbar in den grauen Himmel über Sellafield - ein nuklear verseuchtes Mahnmal des Kalten Krieges. Dahinter dämmert Calder Hall vor sich hin, das erste kommerzielle Atomkraftwerk der Welt und einst ein technisches Prestigeprojekt. Hightech der fünfziger Jahre, eröffnet 1956, stillgelegt vor zehn Jahren. Wann das Kraftwerk demontiert wird, ist unklar.

          Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven Bilderstrecke
          Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven :

          Wer in Sellafield unterwegs ist, der fühlt sich wie auf einer Besichtigungstour durch ein düsteres Museum der Atomwirtschaft. Es gibt hier offene Wasserbecken, in denen seit sechs Jahrzehnten hochradioaktiver Atommüll lagert. Messungen haben ergeben, dass Vögel, die sich auf den gammeligen Nukleartümpeln niederlassen, kontaminiert werden. Der berüchtigtste Teil von Sellafield sind aber seine Wiederaufbereitungsanlagen. Über ein Vierteljahrhundert hinweg, bis Ende der achtziger Jahre, flossen deren plutoniumverseuchte Abwässer in gewaltigen Mengen ins Meer. Erst seither wurde die radioaktive Flut eingedämmt.

          Die Atomfabrik liegt direkt am Wasser. An diesem Tag pfeift ein strammer Westwind über die Irische See und peitscht die silbergrauen Fluten auf. Am Ufer dröhnt die Brandung. Die Möwen kreischen und auf die Lippen legt sich ein Salzgeschmack. Plutonium ist ein Schwermetall, dessen radioaktive Halbwertszeit 24.000 Jahre beträgt. Es hat sich hier ringsum auf dem Meeresboden abgelagert und wird bei Sturm an die Küste gespült.

          In Whitehaven freut man sich über mehr Atommüll

          Greenpeace nennt Sellafield ein „Tschernobyl in Zeitlupe“. Die Küstenstreifen rund um die Atomanlage seien Plutonium-Müllkippen. Der Geigerzähler zeige höhere Radioaktivitätswerte als in der Sperrzone rund um die Atomruine in der Ukraine. Vor einigen Jahren wies eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Regierung auf eine ungewöhnliche Häufung von Blutkrebs-Erkrankungen bei Kindern in der Gegend hin. Ein vermuteter Zusammenhang mit Sellafield wurde aber nie nachgewiesen. Die meisten Leute in der Gegend leben mit Sellafield wie mit den Regenwolken am Himmel. Wenn über Cumbria mal die Sonne scheint, ist der beliebte Badestrand von St. Bees ganz in der Nähe der Atomanlage brechend voll.

          „Wahrscheinlich sind wir hier ein bisschen ignorant.“ Die junge Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagen auf der Einkaufsstraße von Whitehaven unterwegs ist, lächelt und sieht dabei etwas verlegen aus. Whitehaven liegt nur wenige Kilometer nördlich von Sellafield, ein graues Küstenstädtchen mit 25.000 Einwohnern und einer erstaunlichen Dichte an Second-Hand-Läden. „Ohne die Nuklearindustrie würde die Gegend hier gar nicht existieren“, sagt der Ehemann der Frau erklärend. Sellafield bietet fast 13.000 gutbezahlte Arbeitsplätze und ist der mit Abstand größte Arbeitgeber weit und breit.

          Die Lokalzeitung „Whitehaven News“ vermeldet auf Seite eins ein freudiges Ereignis: Sellafield könne mit weiteren Lieferungen hochradioaktiven Mülls aus einem Atomkraftwerk in Schottland rechnen. Insgesamt 44 Tonnen, verteilt über fünf Jahre. Vor deutschen Atomkraftwerken organisieren Demonstranten Sitzblockaden, um Castor-Rücktransporte aus Sellafield zu verhindern. Aber in Whitehaven ist die Aussicht auf noch mehr strahlendes Gefahrengut eine gute Nachricht. Die finanziell klamme Region könne als Gegenleistung auf millionenschwere Zuwendungen von der britischen Atommüllbehörde NDA hoffen, schreibt die Zeitung. Nirgendwo in Europa hat die Atomwirtschaft so viele trotzige Unterstützer wie hier.

          Potentielle Investoren zögern

          Es ist neun Uhr morgens. Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven, sitzt am Besprechungstisch ihres Büros im Rathaus, vor sich eine Diät-Cola. Die Bürgermeisterin ist seit zehn Jahren im Amt, eine gestandene Lokalpolitikerin und Mitglied der sozialdemokratischen Labour-Partei. Sie raucht Marlboro und an ihrer Nase blitzt ein Piercing. Um das Handgelenk schlängelt sich eine Tätowierung.

          Die Bürgermeisterin macht sich Sorgen um die Zukunft. „Die Hälfte der Arbeitsplätze in unserem Bezirk sind in Sellafield“, sagt Woodburn. Wenn in fünf Jahren die Wiederaufbereitungsanlage schließt, wird die komplexe und langwierige Abwicklung der Anlage zwar weiterhin Tausende sicherer Arbeitsplätze bieten. Aber einige tausend Stellen werden wohl wegfallen, befürchtet Woodburn. „Das Ende der Atom-Wiederaufbereitung wird für den Arbeitsmarkt hier verheerend“, sagt die Bürgermeisterin. Aber Woodburn hat auch Hoffnung: In Whitehaven setzen sie auf eine nukleare Renaissance. Während Deutschland der Atomkraft den Rücken kehrt, plant Großbritannien das ehrgeizigste atomare Ausbauprogramm in Europa. Seit 18 Jahren ist auf der Insel kein weiteres Kernkraftwerk mehr ans Netz gegangen. Nun sollen bis Mitte des nächsten Jahrzehnts an acht Standorten im Land neue Atommeiler gebaut werden - einer davon auch in Sellafield. Entschieden ist bisher allerdings nichts.

          Potentielle Investoren zögern. Die internationalen Energiekonzerne, die rund 70 Milliarden Euro in neue Atomkraftwerke stecken sollen, feilschen seit vielen Monaten mit der Regierung um Subventionen in Form langfristig garantierter Mindestabnahmepreise für den erzeugten Strom. Im Frühjahr haben sich bereits die deutschen Energieriesen Eon und RWE aus wirtschaftlichen Gründen von ihren nuklearen Neubauplänen auf der Insel verabschiedet. In Sellafield wird möglicherweise ein französisch-spanisches Konsortium investieren. Oder auch nicht.

          Eines der größten Milliardengräber in Großbritannien

          Glücklich ist die Bürgermeisterin über die Abhängigkeit ihrer Stadt von der Atomkraft nicht. „Ich will diese Abhängigkeit nicht. Es ist nur so, dass mir nichts anderes übrigbleibt.“ Die Leute in der Gegend um Sellafield wurden nie gefragt, ob ihre Heimat ein Zentrum der Nuklearindustrie werden solle. Die Regierung hat die Atomanlagen, damals nach dem Zweiten Weltkrieg, einfach hier angesiedelt. „Die Hälfte der Ministerriege in London weiß nicht mal, wo Sellafield liegt“, sagt Woodburn sarkastisch.

          Der Kampf der Bürgermeisterin um ein bisschen Unabhängigkeit von Sellafield wird immer schwieriger. Landauf, landab streichen die Kommunen in Großbritannien ihre Haushalte zusammen, denn die Regierung hat dem von der Wirtschaftskrise hart getroffenen Land das größte Sparprogramm seit Generationen verordnet. Auch Woodburn muss 30 Prozent der Ausgaben kürzen. Die Nuklearwirtschaft springt ein. Im Gebäude des Heimatmuseums von Whitehaven hat Sellafield gerade eine Etage angemietet, sonst wäre es nicht mehr zu finanzieren. Auch das alljährliche Kulturfestival in der Stadt gäbe es ohne das Sponsorengeld der Atomanlage nicht.

          Solche Ausgaben sind die kleinste Sorge von Brian Hough. Er ist Manager der Atommüllbehörde NDA, die für die Abwicklung der Atomanlage verantwortlich ist. Sellafield ist eines der größten Milliardengräber in Großbritannien, und weil die Nuklearfabrik seit ihrer Gründung in Staatsbesitz ist, müssen diese Zeche die Steuerzahler begleichen. Hough fasst das Problem kurz und bündig zusammen: „Der Staat muss sparen, aber wir brauchen mehr Geld.“ Allein im letzten Haushaltsjahr hat Sellafield die Regierung umgerechnet rund 1,9 Milliarden Euro gekostet. Die langwierige Entsorgung der Atomruinen wird die Staatskasse voraussichtlich noch für mehr als ein Jahrhundert belasten.

          Die Sellafield-Gegner sind ein kleines Häufchen

          Gerade hat der britische Rechnungshof einen neuen Kostenvoranschlag vorgelegt: Insgesamt werden die Aufräumarbeiten demnach rund 80 Milliarden Euro kosten. Das sind 25 Milliarden Euro mehr als bei der letzten Schätzung vor drei Jahren angenommen. Mit weiteren Kostensteigerungen sei zu rechnen, warnt der Rechnungshof. Viel zu lange wurden spätere Altlasten ignoriert, kritisiert der Rechnungshof. Jetzt regiert auch in Sellafield der Rotstift: „Wir müssen uns überlegen, welche Arbeiten auf dem Gelände dringend notwendig sind und welche warten können“, sagt Hough.

          Wer Martin Forwood besuchen will, der braucht eine gute Landkarte, besser noch ist ein Satelliten-Navigationsgerät im Auto. Sein Farmhaus mitten in der Wildnis liegt eine knappe Autostunde südlich von Sellafield und es ist nur über ein Labyrinth winziger einspuriger Sträßchen zu erreichen. Forwood ist Anfang siebzig, ein freundlicher Mann mit einem wuchernden Vollbart im Gesicht und schepperndem Raucherlachen. Früher haben ihm Unbekannte manchmal heimlich die Radmuttern an seinem Auto gelöst. Seiner Frau schleuderten empörte Bürger entgegen, sie hofften, dass sie an Leukämie erkranke. „Das hat sich inzwischen geändert“, sagt der Mann, der seit mehr als zwei Jahrzehnten gegen Sellafield zu Felde zieht.

          Forwood ist der Vorsitzende der Anti-Atomkraft-Bewegung „Cumbrians opposed to a radioactive environment“ (Core), und damit war er in dieser Gegend immer ein Außenseiter. Sogar eine Bombendrohung gegen die Geschäftsstelle von Core habe es einmal gegeben, erzählt Forwood. Die Sellafield-Gegner sind ein kleines Häufchen: Core zählt heute nur rund 200 Unterstützer. Auf dem Höhepunkt der Anti-Atomkraftbewegung vor einem Vierteljahrhundert waren es noch mehrere tausend. Auch Fukushima habe seiner Gruppe keinen neuen Auftrieb gegeben, sagt Forwood.

          Für den Ausblick gegen Atomkraft

          Der Aktivist widmet trotzdem weiterhin drei volle Tage die Woche dem Kampf gegen Sellafield. Das ist oft eine einsame Arbeit. Der Rentner sitzt dann in seinem winzigen mit Bergen von Büchern und Papieren vollgestopften Arbeitszimmer, recherchiert im Internet und kämpft sich durch Dokumente und Berichte. Er will am Ball bleiben. Auf den Informationsveranstaltungen, die Sellafield mehrmals im Jahr für die Bevölkerung organisiert, ist er meistens der Einzige, der kritische Fragen stellt. Zu Beginn der Fragerunde bekommt er das Mikrofon ungefragt gereicht.

          Ist es nicht frustrierend, dass die ganze Arbeit so wenig bewirkt? „Klar, wir stehen alleine da, die meisten sehen nur die glänzend bezahlten Jobs, die Sellafield bietet“, sagt Forwood. „Aber immerhin respektieren uns die Leute inzwischen ein wenig.“ Auch Gegner loben seine Sachkenntnis. Forwood will weitermachen, bis die letzten Teile der Wiederaufbereitungsanlage wie angekündigt geschlossen werden. Über den Rückhalt, den die Atomwirtschaft in der Region hat, kann er sich auch nach all den Jahren noch aufregen. Er erzählt eine Anekdote: Vor einigen Jahren habe es schon einmal Pläne für den Neubau eines Kernkraftwerks in Sellafield gegeben. Die Anwohner seien dagegen gewesen, sagt Forwood. „Wissen Sie, warum? Weil die Kühltürme den Blick auf den Sonnenuntergang über dem Meer verschandelt hätten. Es ist nicht zu fassen.“

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