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Sellafield in England : Die Atomstadt

Solche Ausgaben sind die kleinste Sorge von Brian Hough. Er ist Manager der Atommüllbehörde NDA, die für die Abwicklung der Atomanlage verantwortlich ist. Sellafield ist eines der größten Milliardengräber in Großbritannien, und weil die Nuklearfabrik seit ihrer Gründung in Staatsbesitz ist, müssen diese Zeche die Steuerzahler begleichen. Hough fasst das Problem kurz und bündig zusammen: „Der Staat muss sparen, aber wir brauchen mehr Geld.“ Allein im letzten Haushaltsjahr hat Sellafield die Regierung umgerechnet rund 1,9 Milliarden Euro gekostet. Die langwierige Entsorgung der Atomruinen wird die Staatskasse voraussichtlich noch für mehr als ein Jahrhundert belasten.

Die Sellafield-Gegner sind ein kleines Häufchen

Gerade hat der britische Rechnungshof einen neuen Kostenvoranschlag vorgelegt: Insgesamt werden die Aufräumarbeiten demnach rund 80 Milliarden Euro kosten. Das sind 25 Milliarden Euro mehr als bei der letzten Schätzung vor drei Jahren angenommen. Mit weiteren Kostensteigerungen sei zu rechnen, warnt der Rechnungshof. Viel zu lange wurden spätere Altlasten ignoriert, kritisiert der Rechnungshof. Jetzt regiert auch in Sellafield der Rotstift: „Wir müssen uns überlegen, welche Arbeiten auf dem Gelände dringend notwendig sind und welche warten können“, sagt Hough.

Wer Martin Forwood besuchen will, der braucht eine gute Landkarte, besser noch ist ein Satelliten-Navigationsgerät im Auto. Sein Farmhaus mitten in der Wildnis liegt eine knappe Autostunde südlich von Sellafield und es ist nur über ein Labyrinth winziger einspuriger Sträßchen zu erreichen. Forwood ist Anfang siebzig, ein freundlicher Mann mit einem wuchernden Vollbart im Gesicht und schepperndem Raucherlachen. Früher haben ihm Unbekannte manchmal heimlich die Radmuttern an seinem Auto gelöst. Seiner Frau schleuderten empörte Bürger entgegen, sie hofften, dass sie an Leukämie erkranke. „Das hat sich inzwischen geändert“, sagt der Mann, der seit mehr als zwei Jahrzehnten gegen Sellafield zu Felde zieht.

Forwood ist der Vorsitzende der Anti-Atomkraft-Bewegung „Cumbrians opposed to a radioactive environment“ (Core), und damit war er in dieser Gegend immer ein Außenseiter. Sogar eine Bombendrohung gegen die Geschäftsstelle von Core habe es einmal gegeben, erzählt Forwood. Die Sellafield-Gegner sind ein kleines Häufchen: Core zählt heute nur rund 200 Unterstützer. Auf dem Höhepunkt der Anti-Atomkraftbewegung vor einem Vierteljahrhundert waren es noch mehrere tausend. Auch Fukushima habe seiner Gruppe keinen neuen Auftrieb gegeben, sagt Forwood.

Für den Ausblick gegen Atomkraft

Der Aktivist widmet trotzdem weiterhin drei volle Tage die Woche dem Kampf gegen Sellafield. Das ist oft eine einsame Arbeit. Der Rentner sitzt dann in seinem winzigen mit Bergen von Büchern und Papieren vollgestopften Arbeitszimmer, recherchiert im Internet und kämpft sich durch Dokumente und Berichte. Er will am Ball bleiben. Auf den Informationsveranstaltungen, die Sellafield mehrmals im Jahr für die Bevölkerung organisiert, ist er meistens der Einzige, der kritische Fragen stellt. Zu Beginn der Fragerunde bekommt er das Mikrofon ungefragt gereicht.

Ist es nicht frustrierend, dass die ganze Arbeit so wenig bewirkt? „Klar, wir stehen alleine da, die meisten sehen nur die glänzend bezahlten Jobs, die Sellafield bietet“, sagt Forwood. „Aber immerhin respektieren uns die Leute inzwischen ein wenig.“ Auch Gegner loben seine Sachkenntnis. Forwood will weitermachen, bis die letzten Teile der Wiederaufbereitungsanlage wie angekündigt geschlossen werden. Über den Rückhalt, den die Atomwirtschaft in der Region hat, kann er sich auch nach all den Jahren noch aufregen. Er erzählt eine Anekdote: Vor einigen Jahren habe es schon einmal Pläne für den Neubau eines Kernkraftwerks in Sellafield gegeben. Die Anwohner seien dagegen gewesen, sagt Forwood. „Wissen Sie, warum? Weil die Kühltürme den Blick auf den Sonnenuntergang über dem Meer verschandelt hätten. Es ist nicht zu fassen.“

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