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Sellafield in England : Die Atomstadt

Potentielle Investoren zögern

Es ist neun Uhr morgens. Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven, sitzt am Besprechungstisch ihres Büros im Rathaus, vor sich eine Diät-Cola. Die Bürgermeisterin ist seit zehn Jahren im Amt, eine gestandene Lokalpolitikerin und Mitglied der sozialdemokratischen Labour-Partei. Sie raucht Marlboro und an ihrer Nase blitzt ein Piercing. Um das Handgelenk schlängelt sich eine Tätowierung.

Die Bürgermeisterin macht sich Sorgen um die Zukunft. „Die Hälfte der Arbeitsplätze in unserem Bezirk sind in Sellafield“, sagt Woodburn. Wenn in fünf Jahren die Wiederaufbereitungsanlage schließt, wird die komplexe und langwierige Abwicklung der Anlage zwar weiterhin Tausende sicherer Arbeitsplätze bieten. Aber einige tausend Stellen werden wohl wegfallen, befürchtet Woodburn. „Das Ende der Atom-Wiederaufbereitung wird für den Arbeitsmarkt hier verheerend“, sagt die Bürgermeisterin. Aber Woodburn hat auch Hoffnung: In Whitehaven setzen sie auf eine nukleare Renaissance. Während Deutschland der Atomkraft den Rücken kehrt, plant Großbritannien das ehrgeizigste atomare Ausbauprogramm in Europa. Seit 18 Jahren ist auf der Insel kein weiteres Kernkraftwerk mehr ans Netz gegangen. Nun sollen bis Mitte des nächsten Jahrzehnts an acht Standorten im Land neue Atommeiler gebaut werden - einer davon auch in Sellafield. Entschieden ist bisher allerdings nichts.

Potentielle Investoren zögern. Die internationalen Energiekonzerne, die rund 70 Milliarden Euro in neue Atomkraftwerke stecken sollen, feilschen seit vielen Monaten mit der Regierung um Subventionen in Form langfristig garantierter Mindestabnahmepreise für den erzeugten Strom. Im Frühjahr haben sich bereits die deutschen Energieriesen Eon und RWE aus wirtschaftlichen Gründen von ihren nuklearen Neubauplänen auf der Insel verabschiedet. In Sellafield wird möglicherweise ein französisch-spanisches Konsortium investieren. Oder auch nicht.

Eines der größten Milliardengräber in Großbritannien

Glücklich ist die Bürgermeisterin über die Abhängigkeit ihrer Stadt von der Atomkraft nicht. „Ich will diese Abhängigkeit nicht. Es ist nur so, dass mir nichts anderes übrigbleibt.“ Die Leute in der Gegend um Sellafield wurden nie gefragt, ob ihre Heimat ein Zentrum der Nuklearindustrie werden solle. Die Regierung hat die Atomanlagen, damals nach dem Zweiten Weltkrieg, einfach hier angesiedelt. „Die Hälfte der Ministerriege in London weiß nicht mal, wo Sellafield liegt“, sagt Woodburn sarkastisch.

Der Kampf der Bürgermeisterin um ein bisschen Unabhängigkeit von Sellafield wird immer schwieriger. Landauf, landab streichen die Kommunen in Großbritannien ihre Haushalte zusammen, denn die Regierung hat dem von der Wirtschaftskrise hart getroffenen Land das größte Sparprogramm seit Generationen verordnet. Auch Woodburn muss 30 Prozent der Ausgaben kürzen. Die Nuklearwirtschaft springt ein. Im Gebäude des Heimatmuseums von Whitehaven hat Sellafield gerade eine Etage angemietet, sonst wäre es nicht mehr zu finanzieren. Auch das alljährliche Kulturfestival in der Stadt gäbe es ohne das Sponsorengeld der Atomanlage nicht.

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