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Sellafield in England : Die Atomstadt

Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven Bilderstrecke
Elaine Woodburn, die Bürgermeisterin von Whitehaven :

Wer in Sellafield unterwegs ist, der fühlt sich wie auf einer Besichtigungstour durch ein düsteres Museum der Atomwirtschaft. Es gibt hier offene Wasserbecken, in denen seit sechs Jahrzehnten hochradioaktiver Atommüll lagert. Messungen haben ergeben, dass Vögel, die sich auf den gammeligen Nukleartümpeln niederlassen, kontaminiert werden. Der berüchtigtste Teil von Sellafield sind aber seine Wiederaufbereitungsanlagen. Über ein Vierteljahrhundert hinweg, bis Ende der achtziger Jahre, flossen deren plutoniumverseuchte Abwässer in gewaltigen Mengen ins Meer. Erst seither wurde die radioaktive Flut eingedämmt.

Die Atomfabrik liegt direkt am Wasser. An diesem Tag pfeift ein strammer Westwind über die Irische See und peitscht die silbergrauen Fluten auf. Am Ufer dröhnt die Brandung. Die Möwen kreischen und auf die Lippen legt sich ein Salzgeschmack. Plutonium ist ein Schwermetall, dessen radioaktive Halbwertszeit 24.000 Jahre beträgt. Es hat sich hier ringsum auf dem Meeresboden abgelagert und wird bei Sturm an die Küste gespült.

In Whitehaven freut man sich über mehr Atommüll

Greenpeace nennt Sellafield ein „Tschernobyl in Zeitlupe“. Die Küstenstreifen rund um die Atomanlage seien Plutonium-Müllkippen. Der Geigerzähler zeige höhere Radioaktivitätswerte als in der Sperrzone rund um die Atomruine in der Ukraine. Vor einigen Jahren wies eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Regierung auf eine ungewöhnliche Häufung von Blutkrebs-Erkrankungen bei Kindern in der Gegend hin. Ein vermuteter Zusammenhang mit Sellafield wurde aber nie nachgewiesen. Die meisten Leute in der Gegend leben mit Sellafield wie mit den Regenwolken am Himmel. Wenn über Cumbria mal die Sonne scheint, ist der beliebte Badestrand von St. Bees ganz in der Nähe der Atomanlage brechend voll.

„Wahrscheinlich sind wir hier ein bisschen ignorant.“ Die junge Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagen auf der Einkaufsstraße von Whitehaven unterwegs ist, lächelt und sieht dabei etwas verlegen aus. Whitehaven liegt nur wenige Kilometer nördlich von Sellafield, ein graues Küstenstädtchen mit 25.000 Einwohnern und einer erstaunlichen Dichte an Second-Hand-Läden. „Ohne die Nuklearindustrie würde die Gegend hier gar nicht existieren“, sagt der Ehemann der Frau erklärend. Sellafield bietet fast 13.000 gutbezahlte Arbeitsplätze und ist der mit Abstand größte Arbeitgeber weit und breit.

Die Lokalzeitung „Whitehaven News“ vermeldet auf Seite eins ein freudiges Ereignis: Sellafield könne mit weiteren Lieferungen hochradioaktiven Mülls aus einem Atomkraftwerk in Schottland rechnen. Insgesamt 44 Tonnen, verteilt über fünf Jahre. Vor deutschen Atomkraftwerken organisieren Demonstranten Sitzblockaden, um Castor-Rücktransporte aus Sellafield zu verhindern. Aber in Whitehaven ist die Aussicht auf noch mehr strahlendes Gefahrengut eine gute Nachricht. Die finanziell klamme Region könne als Gegenleistung auf millionenschwere Zuwendungen von der britischen Atommüllbehörde NDA hoffen, schreibt die Zeitung. Nirgendwo in Europa hat die Atomwirtschaft so viele trotzige Unterstützer wie hier.

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