https://www.faz.net/-gqe-77wk0

Selbstversuch : Mein Tag am Band

  • -Aktualisiert am

F.A.S.-Redakteurin Melanie Amann bei Ford in Köln am Band Bild: Röth, Frank

Ich baue einen Ford. Einen? Nein, Tausende! Unsere Kollegin Melanie Amann macht einen ziemlich anstrengenden Selbsterfahrungstrip.

          Beim Wort Fließband dachte ich immer an einen grauen Streifen, der auf Hüfthöhe vorbeizieht, und an dem Menschen mit Haarnetz Dinge montieren oder sortieren. Dass dieses Bild nichts mit der Autoproduktion zu tun hat, hätte ich mir denken können, habe ich aber nicht.

          Unwillkürlich halte ich also Ausschau nach grauen Bändern, als ich Halle Y von Ford in Köln-Niehl betrete. So sehe ich das Fließband erst, als ich fast drauf stehe. Es gleitet im Boden vorbei, langsamer als eine Rolltreppe, knapp vier Meter breit, es ist aus beschichtetem Holz. Autos in verschiedenen Stadien des Rohbaus gleiten vorbei. Alle Bänder in Halle Y sind 2,5 Kilometer lang. Hier steht man nicht am Band, hier fährt man auf dem Band, mit den Autos.

          Da steht mein erster Kollege. Er mustert mich, meine Handtasche, meine Ohrringe. „Am besten erst mal zuschauen“, sagt er. Ihsan, Industriemechaniker, 25 Jahre alt, steht seit sechs Uhr hier. Auch ich wollte zur Frühschicht antreten, aber von Ford hieß es, um die Uhrzeit wäre meine „Betreuung nicht gewährleistet“. Also bin ich um 9.35 Uhr in die Stahlkappenschuhe gestiegen, in die graue XXL-Hose und das orange T-Shirt. O je, orange. Ist Ford nicht königsblau?

          Ich brauche drei Minuten, dann finde ich mich sehr automatisch

          Mein erster Einsatzort: die Station S-Gurt. Endlich habe ich wie viele Redakteure meines Verlags ein Spezialgebiet. Andere sind für „Genossenschaftsbanken“ zuständig, oder für „Steuerrecht inklusive Bilanzrecht“.

          Ich bin an Station S-Gurt zuständig für Bremsschalter, Kontaktschalter und Kupplungsschalter. Inklusive Verkabelung. Die Schalter sind Nöppel aus Plastik, mal dick und schwarz, mal dick und weiß-blau. Auch Ihsan musste erst nachschauen, wozu die Teile dienen, die er heute noch in viele, viele Fiestas drehen wird. Aber Ihsan steht auch täglich an einer anderen Station, anders als viele Altgediente, die einen festen Platz wollen. Ihsan zeigt mir, dass jeder Stecker nur auf ein Loch passt. „Da kann nix schieflaufen.“ Reinstecken, festdrehen, oben das Kabel rein.

          “Mal probieren?“, fragt Ihsan. Nervös ergreife ich die Nöppel. Es klappt auf Anhieb! Für Ford gilt ein Arbeitsschritt nach 30 Tagen Übung als automatisiert. Ich brauche drei Minuten, dann finde ich mich sehr automatisch. An meiner Station scheppert nix. Neben mir schraubt Ihsan den Fahrer-Gurt an und schiebt ein Schaumstoffpolster in die Seitenwand.

          Noch ein Auto weg, noch eins und noch eins

          Neue Nöppel und Schrauben ziehen wir aus blauen Kästen neben dem Band. Aufs Band steigen, in den Wagen beugen, klicken, kabeln, schrauben, fertig. 85 Sekunden gibt das Band uns für einen Durchlauf, den sogenannten Takt. Reicht dicke, finde ich. Das finden nicht alle. „Jetzt seid ihr schon zu zweit da, wieso dauert das noch so lange“, ruft ein Scherzkeks von weiter hinten. Der soll lieber seine Deckenlichter verkabeln.

          Es ist schwer, über den Klangteppich der 4000-Mann-Halle zurückzubrüllen. In der trockenen Luft liegt ein Grundrauschen, dazu klongt und sirrt und kracht es. Der Kopf blendet die Geräusche aus, aber dass sie nicht weg sind, merke ich daran, wie heiser ich bald klinge.

          Bald sind Ihsan und ich im Rhythmus, werkeln einträchtig Seite an Seite. Ich könnte ihn jetzt interviewen. Aber es ist so bequem, die Gedanken ziellos schwirren zu lassen und stumm Kabel einzuklicken. Noch ein Auto weg, noch eins und noch eins. Alle 290 Stationen arbeiten im 85-Sekunden-Takt, an einem Tag bauen sie 1650 Fords.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Umtriebiger Minister: Jens Spahn

          Bundesgesundheitsminister : Jens Spahn demonstriert seine Macht

          Der Gesundheitsminister bringt am Mittwoch drei Gesetzentwürfe ins Kabinett ein – und will auf die Schnelle noch zwei Behörden fusionieren. Der CDU-Politiker demonstriert seine Macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.