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Schweizer Industrie : Starker Franken radiert Gewinne weg

Bedroht? High-Tech-Arbeitsplatz in der Schweiz Bild: Swissmem

Schweizer Maschinenbauer ergattern mehr Aufträge. Die Margen sind aber schwach. Viele Unternehmen müssen sogar Verluste hinnehmen. Wer kann, verlagert die Produktion ins Ausland.

          2 Min.

          Das nennt man schlechtes Timing: Just am 15. Januar 2015 hatte Michael Merkle seinen ersten operativen Arbeitstag als Vorstandsvorsitzender der Agathon AG. Um 10 Uhr morgens verabschiedete der frischgebackene Teilhaber des Schweizer Schleifmaschinenherstellers das Budget für das Gesamtjahr. „Eine Stunde später lag es im Mülleimer“, erinnert sich Merkle. Was war passiert? Kurz zuvor hatte die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgegeben – und der Franken wertete schlagartig auf. Für Merkle war das ein Schock: „Als Unternehmen, das Entwicklung, Produktion und Vertrieb in der Schweiz hat und 95 Prozent des Umsatzes im Ausland macht, ist der Franken das größte Risiko.“ Da man die Preise nicht einfach habe anheben können, habe Agathon wechselkursbedingt 10 Prozent Umsatz und Marge verloren. Merkle musste reagieren: Er senkte die Kosten, straffte die Produktion, reduzierte den Lagerbestand, kaufte vermehrt im Euroraum ein und kürzte die Investitionen auf das absolute Minimum. Dank dieses harten Fitnessprogramms komme Agathon nun über die Runden.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Das indes gilt längst nicht für alle Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, die mit 318.000 Mitarbeitern das Rückgrat der Schweizer Industrie bilden. Seit dem Frankenschock vor zwei Jahren sind in dieser Branche fast 13.000 Arbeitsplätze gestrichen worden. Darin sind die Stellenverluste, die infolge diverser Restrukturierungsrunden im zweiten Halbjahr 2016 angekündigt wurden, noch gar nicht enthalten, wie Peter Dietrich, Direktor des Branchenverbands Swissmem, vor Journalisten in Zürich erläuterte.

          Nach einer Umfrage unter den Swissmem-Mitgliedern haben 23 Prozent der Unternehmen das Jahr 2016 vor Steuern und Zinsen mit Verlust abgeschlossen. 34 Prozent schafften eine Marge zwischen null und 5 Prozent, wobei kleinere Unternehmen besonders schlecht dastehen. Überraschend ist das nicht: Große Konzerne, die bereits über eine Basis im Ausland verfügen, tun sich viel leichter, (weitere) Teile der Produktion an kostengünstigere Standorte in aller Welt zu verlagern. Dieser Strukturwandel hält seit Jahren an, hat sich zuletzt aber beschleunigt. Im Ausland beschäftigt die Schweizer Metall- und Elektroindustrie inzwischen 550.000 Mitarbeiter. Nach einer Studie der Universität St. Gallen erwägen 46 Prozent der Industriebetriebe, in den nächsten drei Jahren Verlagerungen ins Ausland vorzunehmen.

          Lage in der Branche hat sich etwas verbessert

          Gemessen an den Aufträgen, die zu 79 Prozent aus dem Ausland kommen, hat sich die Lage in der Branche 2016 aufgehellt: Die Auftragseingänge sind um 9,5 Prozent gestiegen, während es im Jahr zuvor noch zu einem Einbruch von 14 Prozent gekommen war. Allerdings sahen sich viele Unternehmen offenbar zu so großen Preisnachlässen gezwungen, dass sie kaum noch etwas verdienen. Das ist nach Ansicht von Swissmem-Präsident Hans Hess eine fatale Entwicklung: „Nur wenn ein Betrieb genügend Mittel erwirtschaftet, kann er genügend in Investitionen in die Zukunft tätigen.“ Mithin bestehe das Risiko, dass Unternehmen aufgeben oder fusionieren müssten. Dies gelte vor allem für die kleineren Zulieferbetriebe.

          Hess rechnet nicht damit, dass der Franken in nächster Zeit gegenüber dem Euro spürbar abwerten wird. Tatsächlich ist der Franken in den vergangenen Wochen wieder stärker geworden. Am Dienstag kostete ein Euro 1,06 Franken. Umso mehr gelte es, mit Produkt- und Prozessinnovationen gegenzusteuern und so bessere Margen zu generieren. Hess bedauerte es, dass die Stimmbürger am 12. Februar das Gesetz zur Reform der Unternehmensteuern abgelehnt haben. Diese hätte die innovationsstarken Unternehmen entlastet. Auch Agathon-Chef Merkle hatte auf eine Zustimmung gehofft: „Unsere Forschungskosten in größerem Umfang von der Steuer abzusetzen wäre für uns sehr interessant gewesen.“

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