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Schweiz : Verstärkte Mafia-Aktivitäten befürchtet

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6500 Festnahmen: Die italienische Polizei feierte zuletzt einige Erfolge im Kampf gegen die Mafia Bild: AFP

Zwischen Frühling 2008 und Herbst 2010 haben die italienischen Mafia-Jäger 6500 Personen verhaftet und über 18 Milliarden Euro beschlagnahmt. Die Schweiz fürchtet nun, dass die Mafiosi unter diesem Druck ihr Geld zunehmend bei ihnen waschen.

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          Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) in der Schweiz wird in seinem jüngsten Jahresbericht deutlich: Mafia-Organisationen missbrauchten die Eidgenossenschaft als logistische Drehscheibe und als Transitland. „Gerade die 'Ndrangheta aus Kalabrien hat zunehmend an Bedeutung gewonnen“, schreiben die Fahnder. Genauere Zahlen liefern sie nicht, aber das Amt erinnert an mehrere Auslieferungen von Mafiosi an das Nachbarland Italien im vergangenen Jahr, nachdem sie dort zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren.

          Zugleich existierten offenbar Vereinbarungen über regionale Zuständigkeiten, auch wenn die Clans keine Kontrolle über bestimmte Gebiete der Schweiz ausübten, meint die Fedpol. Außerdem geht sie davon aus, dass die organisierte Kriminalität verstärkt die Zusammenarbeit mit Finanzspezialisten sucht. Schwerpunkte der Aktivitäten sind das italienischsprachige Tessin, aber auch das Wallis und Zürich.

          Zunehmende Geldwäsche in der Schweiz

          Die Behörde erinnert daran, dass die italienischen Mafia-Jäger zwischen Frühling 2008 und Herbst 2010 nach eigenen Angaben mehr als 6500 Personen verhafteten und Vermögen über rund 18 Milliarden Euro beschlagnahmten. Die Beschlagnahmungen stellten eines der effizientesten Mittel im Kampf gegen die Kriminellen dar. Die Schlussfolgerung liegt nahe, auch wenn dies nicht ausdrücklich im Bericht steht: Die Schweiz fürchtet, dass die Mafiosi unter diesem Druck ihr Geld zunehmend bei ihnen waschen. Die Fedpol räumt ein, dass es schwierig ist, in die organisierte Kriminalität einzudringen. Ein Grund seien die familiären Strukturen der Clans.

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          Aber auch die Behörden arbeiten offenbar etwas lasch. Kriminelle vermutlich der 'Ndrangheta hätten in Zürich zwei Finanzinstitute in den Konkurs geführt und sich das Geld der Kunden angeeignet, schrieb der Untersuchungsrichter Jacques Ducry im August 2010. „Was mich am meisten beunruhigt, ist die Langsamkeit der Untersuchungen“, ergänzte Ducry, der gegen den Ferrazzo-Clan ermittelte, in einem Interview. So habe das Bundesgericht das Verfahren schon 2002 eröffnet. Piero Grasso, der Chef der Antimafia-Behörde in Italien, sagte zur selben Zeit, die Mafia nutze die Schweiz zur Geldwäsche. Üblich seien dabei 30 Prozent als Honorar für die Helfer, wobei allerdings die Mafiosi zunehmend selbst als Anwälte oder Finanzexperten wirkten.

          Immobilienmarkt als Geldschleuse

          Eine der großen Geldschleusen in die Schweiz bildet heutzutage der Immobilienmarkt. Er unterliegt im Gegensatz zu den Banken nur wenigen Kontrollen. So bestätigten die Initiatoren des großen Ferienprojekts in Andermatt dieser Zeitung im November vergangenen Jahres, bei einer Banküberweisung von einem Schweizer Konto werde kein Nachweis über die Versteuerung verlangt. Dies steht im Einklang mit den Gesetzen. Wer daher zum Beispiel deutsche Steuerhinterzieher aufspüren will, muss dies über die Grundbuchämter versuchen.

          In Bezug auf das Waschen kriminell erworbener Gelder gibt Stephan Senn von der Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei zu, für Kunstwerke, Edelsteine sowie Immobilientransaktionen bestünde keine Meldepflicht, sofern sie nicht über eine Bank liefen. Die Fedpol sagte es in ihrem Jahresbericht noch klarer. „Der Immobiliensektor ist nach Ansicht verschiedener Experten besonders anfällig für Geldwäscherei. Hohe Bargeldzahlungen sind in diesem Sektor immer noch üblich“, heißt es dort. Die Regierung in Bern erwägt zwar eine härtere Gangart, geschehen ist aber bisher nichts. Neben der schwachen Kontrolle locken der harte Franken und die stark steigenden Immobilienpreise. Nach Erhebungen der Credit Suisse sind Einfamilienhäuser im Kanton Genf 48 Prozent teurer als vor fünf Jahren. Bei Eigentumswohnungen seien es sogar 86 Prozent mehr. Für Villen werden schnell zweistellige Millionenbeträge bezahlt.

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