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Schweinegrippe : Wohin mit dem ganzen Impfstoff?

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Der Grippe-Impfstoff erweist sich als Ladenhüter. Die Länder haben beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline offenbar zuviel bestellt. Jetzt wollen die Länder noch mal mit dem Hersteller verhandeln.

          3 Min.

          Vertreter von Bund und Ländern verhandeln mit dem Pharmakonzern GlaxoSmithKline über die Reduzierung der Lieferungen von Schweinegrippe-Impfstoff. Die Länder wollen nur noch die Hälfte der bestellten Impfdosen abnehmen.

          Die Länder hatten 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix für 416,5 Millionen Euro geordert. Dies geschah jedoch noch in der Annahme, dass eine zweifache Impfung notwendig sei. Anfang Dezember hatte das Robert-Koch-Institut aber darauf hingewiesen, dass schon eine einmalige Impfung den nötigen Schutz sicherstelle. Nun könnten sogar 60 Prozent aller Menschen geimpft werden. Aufgrund der Impfmüdigkeit der Deutschen bleiben die Ländern aber auf einem Großteil ihrer Dosen sitzen.

          Die Länder fürchten deshalb, auf Kosten in dreistelliger Millionenhöhe sitzen zu bleiben. Zwar sind die Krankenkassen per Rechtsverordnung verpflichtet, die Kosten für bis zu 35 Millionen gesetzlich Versicherte zu übernehmen. Sie müssen aber erst zahlen, wenn die Impfung tatsächlich erfolgt.

          Impfstoff Pandemrix

          In Berlin kommen am Nachmittag auf Beamtenebene Vertreter der Länder-Gesundheitsministerien zusammen, um über das Problem der überschüssigen Pandemrix-Schweinegrippe-Impfdosen zu beraten. Der Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline (GSK) hatte jüngst seine Gesprächsbereitschaft bekundet. Es bedeute aber nicht, dass man die Vorschläge der Länder auch annehme, hatte ein Unternehmenssprecher erklärt. Es gebe einen gültigen Kaufvertrag.

          Ross-Luttmann: Erwarte ein Angebot von GlaxoSmithKline

          Die neue Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Niedersachsens Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU), sagte am Mittwoch in Hannover, sie sei zuversichtlich, „dass wir eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung finden werden.“ Ziel der Länder sei es, am Ende nur die Kosten für Impfdosen für 30 Prozent der Bevölkerung übernehmen zu müssen.

          „Wir haben jetzt Impfdosen für 60 Prozent der Bevölkerung - 60 Prozent werden sich niemals impfen lassen. Für mich ist ganz wichtig, dass wir zumindest schon mal 10 Prozent runter gehen können“, sagte sie. Dies sei zwingend. Für die verbleibenden 20 Prozent forderte sie ein finanzielles Entgegenkommen
          des Pharmakonzerns: „Da erwarte ich ein Angebot von GSK. Wir setzen auch auf die Kulanz des Pharmakonzerns GSK, überschüssige Impfstofflieferungen zu stornieren“, sagte die Ministerin.

          „Der Bund hat uns immer sehr gedrängt“

          Niedersachsen setze auf eine Doppelstrategie, sagte Ross-Luttmann. Zum einen verhandele man darüber, nicht alle Dosen abnehmen zu müssen. Zum anderen sollen schon erhaltene Dosen an Länder verkauft werden, in denen noch Bedarf bestehe, zum Beispiel an den Iran oder das Kosovo. Nach Informationen von „Zeit online“ gab es bereits erste Anfragen ­ etwa aus dem Iran, dem Kosovo, der Ukraine und der Türkei.

          Auch der Bund sei in der Verantwortung und müsse gemeinsam mit den Ländern diese Doppelstrategie verfolgen, forderte die niedersächsische Ministerin. Denn Pandemie-Vorsorge sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Bund und Ländern. Ross-Luttmann: „Man darf auch nicht übersehen, dass der Bund uns immer sehr gedrängt hat, noch mehr Impfstoff zu bestellen, als wir tatsächlich bestellt haben.“

          Robert-Koch-Institut: „Die Impfung ist weiter sinnvoll“

          Unmittelbar vor den Verhandlungen hat das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) vor einer zweiten Grippewelle gewarnt. „Der Impfstoff ist nach wie vor notwendig, das Virus ist ja auch noch unter uns“, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker am Donnerstag im ARD-„Morgenmagazin“. Es sei durchaus möglich, dass im Februar oder März eine zweite Erkrankungswelle komme.

          Rund 200.000 Menschen in Deutschland haben sich laut RKI bislang mit dem Virus infiziert, 159 sind daran gestorben. Die Neuerkrankungen waren zuletzt allerdings stark zurückgegangen auf 2000 in der vorletzten und 1000 in der vergangenen Woche. Etwa sechs bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben sich bislang gegen Schweinegrippe impfen lassen.

          Dennoch sieht Hacker keinen Grund zur Entwarnung: „Wir gehen davon aus, dass die Impfung weiter sinnvoll ist, insbesondere für Personen, die chronisch krank sind.“ Rund 80 Prozent der Todesopfer seien chronisch Kranke.

          Der RKI-Präsident wandte sich zugleich gegen Vorwürfe, dass Politik, Wissenschaft und Medien eine unbegründete Hysterie wegen der Schweinegrippe verbreitet hätten. „Als das Virus im Frühjahr auftauchte, wussten wir sehr wenig darüber, wir haben dann gelernt, dass es relativ milde Verläufe gibt, aber dass es auch immer wieder zu schweren Verläufen kommt.“ Es sei richtig, dass der Impfstoff sehr schnell hergestellt und zugelassen worden sei.

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