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Konjunkturpaket : Gut gespart

Bild: dpa

Selbst Kritiker der Schwarzen Null können in diesen Tagen froh sein, dass der Staat in den vergangenen Jahren sein Geld zusammengehalten hat. Auch höhere Staatsausgaben hätten die Corona-Krise nicht verhindert.

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          Es ist gerade mal ein paar Wochen her, da tobte in Deutschland ein heftiger Streit darüber, ob der Staat mehr Schulden machen sollte. Die Corona-Krise hat die Debatte in kürzester Zeit beendet. Niemand zweifelt daran, dass die Bundesregierung jetzt erst mal ohne Rücksicht auf die Schuldenquote viel Geld bereitstellen muss. Gleichzeitig werden viele froh darüber sein, dass die Bundesregierung so lange die schwarze Null gehalten hat. Jetzt kann sie klotzen. Bei aller Kritik im Detail: Im Wesentlichen hat Deutschlands Finanzpolitik in den vergangenen Jahren so funktioniert, wie John Maynard Keynes es einst gefordert hat – in den guten Zeiten sparen, in den schlechten Zeiten Geld ausgeben.

          Aber war die Sparpolitik der vergangenen Jahre nicht übertrieben? Wäre es nicht besser gewesen, mehr Geld ins Gesundheitswesen zu stecken? Man muss „überlegen, warum der Markt weder genug Desinfektionsmittel noch ein ausreichendes Gesundheitssystem geschaffen hat“, findet der Soziologe Oliver Nachtwey. Nun ist es im Rückblick leicht zu sagen, was richtig gewesen wäre. Überlegen wir aber einmal, was in den vergangenen Jahren tatsächlich empfohlen wurde:

          Mehr Pflegekräfte anzuwerben, hieß ein wichtiger Vorschlag – damit hatte die Bundesregierung begonnen, und mehr Erfolg wäre jetzt wirklich hilfreich. Ansonsten aber lauteten die Vorschläge der vergangenen Jahre, im Kampf gegen die Schweinegrippe das Grippemittel Tamiflu aufzustocken oder mehr Antibiotika in Deutschland zu produzieren, um Engpässen vorzubeugen. Solche Vorschläge haben sicher ihren Sinn, helfen aber im Kampf gegen das Coronavirus überhaupt nichts. Dass man dringend Desinfektionsmittel horten müsse, war dagegen in den vergangenen Jahren nirgends zu hören. Auch von einem hohen Bedarf an Beatmungsgeräten hat niemand laut gesprochen.

          Krisen entstehen dort, wo sie keiner erwartet

          Das hat System. Gefahren entstehen meist gerade dort, wo niemand richtig hingeguckt hat. Manchmal aus „schwarzen Schwänen“, die niemand auf der Rechnung hatte. Manchmal sind es auch Krisenherde, die zwar als gefährlich gelten, aber an die niemand mehr gedacht hat, weil all die anderen Probleme viel dringender erschienen.

          Selbst China mit all seiner zentralen Planung war nicht davor gefeit, dass dort das Coronavirus ausbricht und die Kapazitäten des Gesundheitssystems überfordert. Ja, China hat rasch neue Krankenhäuser gebaut. Doch das Land hat auch wertvolle Zeit verloren, weil die Ärzte in Wuhan nicht schnell genug Alarm schlagen durften.

          Wahr ist: Die Stärke des Kapitalismus ist nicht, Vorräte anzulegen. Er schafft etwas ganz anderes: aus knappen Mitteln das meiste herauszuholen – und schnell auf neue Bedingungen zu reagieren. Das belegen gerade in diesen Tagen wieder viele Nachrichten. Es fehlt an Mundschutz? Eine Matratzenfabrik in Thüringen stellt ihre Produktion um. Die Krankenhäuser brauchen mehr Desinfektionsmittel? Schon verhandelt die Chemieindustrie mit der Regierung darüber, dass zusätzliche Unternehmen aushelfen dürfen. Im Supermarkt ist das Nudelregal leer? Keine Sorge, im Kapitalismus ist es zwei oder drei Tage später wieder voll, nämlich sobald der nächste Lastwagen kommt. Rewe hat am Montag nach Beginn der Hamsterkäufe Nudeln sogar im Sonderangebot verkauft. Dauerhafte Versorgungsengpässe sind nicht in Sicht – nicht mal in Italien, wo das neuartige Coronavirus sich schon viel weiter verbreitet hat als hier.

          All das heißt nicht, dass Deutschland perfekt vorbereitet in diese Krise gegangen wäre. In den Krankenhäusern wäre mehr Personal und weniger Bürokratie hilfreich. Gut wäre es auch, wenn die Banken einen größeren Kapitalpuffer für schlechte Zeiten hätten. Die Liste lässt sich fortsetzen. Sowieso kann heute niemand sagen, wie sich die Lage weiterentwickelt. Aber für den Moment lässt sich immerhin eines festhalten: Man könnte auf die aktuelle Krise schlechter vorbereitet sein, als Deutschland es in diesen Tagen ist.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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