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Schwarzarbeit : Der Schattenwirtschaft auf der Spur

An besonders harten Kontrollen liegt der Rückgang der Schwarzarbeit nicht: Ein Großteil der Bevölkerung sieht das Entdeckungsrisiko als gering an Bild: dpa

Wie viel Schwarzarbeit gibt es wirklich? Neue Schätzungen kommen zu vermeintlich widersprüchlichen Ergebnissen. Die Methoden haben jeweils eigene Tücken und Schwächen.

          Die Schwarzarbeit geht im Trend in Deutschland deutlich zurück. Darüber sind sich die Forscher einig. Doch wie verbreitet ist Schwarzarbeit? Ist sie ein Massenphänomen oder eine Randerscheinung? Eine neue Studie des Freiburger Ökonomen Lars Feld und von Claus Larsen von der dänischen Rockwool Foundation, die sich auf Umfragen stützen, kommt zu einem spektakulären Ergebnis: Von 2001 bis 2008 habe sich die Anzahl der schwarz geleisteten Arbeitsstunden beinahe halbiert. Der Anteil relativ zu den Arbeitsstunden in der regulären Wirtschaft sei von 4,1 auf 2,3 Prozent gesunken. „Das ist der untere Rand der Schätzungen“, sagt Feld.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Der Anteil der Schwarzarbeiter an der Bevölkerung bleibt indes eher konstant. Etwa jeder zehnte Erwachsene bekennt sich dazu, gelegentlich am Finanzamt vorbeizuarbeiten. Nur widmen die Schwarzarbeiter jetzt weniger Stunden je Woche der undeklarierten Tätigkeit. Im Osten gibt es etwa doppelt so viel Schwarzarbeit wie im Westen. Besonders verbreitet ist sie auf dem Bau, wo nach der Umfrage jede sechste Arbeitsstunde (rund 17 Prozent) schwarz geleistet wird. Auch in der Landwirtschaft, in Speditionen, in Hotels und Gaststätten sowie in Reparaturwerkstätten wird überdurchschnittlich oft ohne Steuerbeleg gearbeitet. Der Stundenlohn stagnierte dabei annähernd bei 10 bis 11 Euro. Nach Berechnung von Feld und Larsen entsprachen die schwarz geleisteten Arbeitsstunden zuletzt einer Million Vollzeitarbeitsplätze - immerhin 600.000 weniger als vor einem Jahrzehnt.

          Schwarzarbeit wird eher als Kavaliersdelikt angesehen

          Diese Ergebnisse stehen im Kontrast zu den Ergebnissen des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider, der den Umfang der Schattenwirtschaft mit indirekten Methoden zu berechnen versucht. Schneider, der weltweit als Koryphäe der Schattenwirtschaftsforschung gilt, kommt auf viel höhere Werte: Mehr als 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts habe die Schattenwirtschaft in Deutschland im vergangenen Jahr betragen - etwa 342 Milliarden Euro. Das entspricht dem BIP von Hessen und Rheinland-Pfalz oder allen neuen Bundesländern zusammen. Aber auch nach Schneiders Schätzung ist die Schattenwirtschaft auf dem Rückzug. Vor einem Jahrzehnt machte sie nach seiner Rechnung mehr als 16 Prozent des BIP aus. Das entsprach mehr als 8 Millionen Vollzeitarbeitsstellen, heute seien es noch 7,7 Millionen.

          Obwohl die Schätzungen so weit auseinanderliegen, wollen die Forscher keinen direkten Widerspruch sehen. Jede Methode hat ihre Tücken und Schwächen. Zum Beispiel: Wie ehrlich antworten die Bürger in Umfragen? „Interviews werden zu eher geringeren Schätzungen führen, wogegen die indirekten Methoden es überschätzen“, sagt Larsen. Aus den Rockwool-Umfragen ergab sich zudem ein sehr großes Potential von Schwarzarbeit: Jeder vierte Befragte sagte, er würde gerne auch ohne Steuerbeleg arbeiten. Generell wird Schwarzarbeit eher als Kavaliersdelikt angesehen. Jeder Dritte hält sie bis zu 2500 Euro sogar für straffrei. Schwarzarbeit zwischen Privatleuten bezeichnet nur jeder Fünfte als „völlig akzeptabel“ - viel weniger als etwa Schwarzfahren in Bus oder Bahn, das fast jeder Zweite „völlig inakzeptabel“ findet.

          „Hinter dem Potential von einem Viertel verbirgt sich oftmals tatsächliche Schwarzarbeit“, sagt Friedrich Schneider. Zudem berücksichtigt er die nicht deklarierten Tätigkeiten von Firmen, während die Rockwool Stiftung nur Privatleute erfasst. „Meine Schätzung stellt den oberen Rand dar, Lars Felds Angaben sind der unterste Rand - die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen“, sagt Schneider. Seinen Schätzungen zufolge hat die Schattenwirtschaft in Deutschland im internationalen Vergleich einen mittleren Umfang: Im Durchschnitt der OECD-Länder macht sie gut 13 Prozent aus. Sehr viel größer ist der Schattensektor in Südeuropa (in Griechenland bis zu ein Viertel, in Italien und Spanien je ein Fünftel der Wirtschaftsleistung). Vergleichsweise klein ist er in den angelsächsischen Ländern sowie in Japan.

          Die Abschreckungswirkung hält sich in Grenzen

          Schneiders indirekte Schätzung basiert auf dem Bargeldansatz: Die Menge der umlaufenden großen Banknoten, besonders der 100-, 200- und 500-Euro-Scheine, ist ein Indiz für den Umfang der Schattenwirtschaft inklusive illegaler Aktivitäten wie Drogenhandel oder Prostitution, wo üblicherweise bar gezahlt wird. Allerdings zeigen die Rockwool-Umfragen, dass ein großer Teil der „normalen“ Schwarzarbeit gar nicht mit Geld bezahlt wird. Vielmehr werden Tauschgeschäfte vereinbart. Beispielsweise repariert ein Mechaniker das Auto eines Malers, der im Gegenzug die Garage des Mechanikers streicht. Eine Schwäche seines Ansatzes gibt Schneider zu: In seiner Schätzung sind auch all die offiziell gekauften Materialien, etwa die Farbe des Malers, enthalten. „Das sind Doppelzählungen, etwa ein Viertel Materialkosten muss man eigentlich abziehen.“

          Den markanten Rückgang der Schwarzarbeit erklärt Feld zum großen Teil mit den Reformen am Arbeitsmarkt, die geringfügige Beschäftigungen erleichtert und steuerlich entlastet haben. Die gute Konjunktur mit der sinkenden Arbeitslosigkeit eröffnet zudem mehr Möglichkeiten in der regulären Wirtschaft. Zudem gibt es mehr Kontrollen und Kampagnen gegen Schwarzarbeit. Gleichwohl hält sich die Abschreckungswirkung in Grenzen: Ein Großteil der Bevölkerung sieht das Entdeckungsrisiko als gering an.

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