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Schwache Wirtschaft : Indiens Krise spitzt sich zu

Indien wird vom Hoffnungsträger zum Sanierungsfall: Das Land hat sein Haus abgewirtschaftet, statt es in den guten Jahren zu befestigen. Das ist dramatisch. Denn versagt hier der Staat, sterben Menschen. Zu Tausenden.

          Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens driftet in eine gefährliche Lage. Gerade noch galt Indien als der nächste Hoffnungsträger, als neues Symbol für Asiens wirtschaftlichen Aufschwung, als „zweites China“. Nun häufen sich die schlechten Meldungen. Das Wachstum ist so schwach wie seit zehn Jahren nicht mehr, die Rupie hat niemals schneller an Wert verloren als diese Woche, das Defizit der Leistungsbilanz klafft weit auf. Zugleich naht eine Richtungswahl, die Indien politisch blockiert.

          Damit rückt das Land in den Blickwinkel, das aufgrund seiner selbstgewählten Abschottung relativ unberührt durch die Weltfinanzkrise nach 2008 segelte. Jetzt aber steht Indien von außen und von innen unter Druck. Aus dieser Lage gibt es keinen einfachen Ausweg. Die Ratingagentur Fitch warnte am Donnerstag vor einem weiteren und lange währenden Vertrauensverlust unter Investoren, der die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität untergraben könnte.

          Wie auch die anderen Schwellenländer spüren die Inder den nahenden Kurswechsel der amerikanischen Geldpolitik. Während die Konjunktur im Westen nach 2008 auf der Stelle trat, floss das billige Geld der Investoren und Spekulanten in die aufstrebenden Länder, die höhere Renditen boten. Schon länger warnen die großen Banken vor einer Kehrtwende des Geldstroms. Nun ist es so weit. Anleger holen Milliardenbeträge zurück. Nach Indien und Indonesien leiden auch die Märkte in Malaysia, Thailand und den Philippinen. Gestern verlor der Index in Manila 6 Prozent, als der Handel nach drei Tagen Unterbrechung wieder aufgenommen wurde. Trotz der jüngsten Verluste gelten diese Börsen Analysten weiterhin als überbewertet.

          Die Preissteigerungen betreffen vor allem die Armen

          Wenn die betroffenen Länder ihre Währungen jedoch mit steigenden Zinsen zu schützen suchen, riskieren sie Wachstumseinbußen. Am schnellsten verlieren die indische Rupie und die indonesische Rupiah an Wert. Zugleich steigt der Wert des Dollar. Dies kommt die Schwellenländer, die Rohstoffe auf Dollarbasis importieren, teuer zu stehen. Die Inflation legt zu. Sie trifft besonders die Armen, die die Preise für Lebensmittel nicht mehr aufbringen können. Mit steigenden Preisen wächst auch die Unzufriedenheit im Volk: Regierungen antworten darauf in der Regel mit populären Programmen, etwa Subventionen. Zumal wenn sie - wie in Indien oder Indonesien - vor einer Wahl stehen. So führt die indische Regierung nun ein viele Milliarden teures Recht auf Ernährung für jeden Inder ein. Solche Programme aber treiben die Verschuldung noch weiter in die Höhe - und sie lassen sich nur unter Schmerzen zurückführen.

          Das Ende des billigen Geldes im Westen war vorherzusehen. Eine vernünftige Politik in Neu Delhi hätte das bekannte Risiko abfedern können. Doch was die Regierung seit ihrer Wiederwahl 2009 anrichtete, lässt nun aus der Gefahr ein Desaster werden. Denn Indien hat sein Haus abgewirtschaftet, statt es in den starken Jahren gegen den heraufziehen Sturm zu befestigen. Reformen versandeten, riesige Korruptions- und Betrugsfälle raubten dem Volk das Vertrauen in die Elite, der Staat schuf seinen Bürgern kein Umfeld, in dem sie ihre Chancen nutzen konnten. Investoren verließen das Land. Der Durchschnittsinder muss bleiben.

          Der Abwärtstrend ist schwer aufzuhalten

          Was also müsste eine verantwortungsvolle Regierung tun? Sie müsste Willen zu Reformen beweisen und die Kraft, sie auch einzuführen. Sie müssten ihre Volkswirtschaft öffnen, Investoren mit besseren Bedingungen ins Land locken, Rechtssicherheit bieten, Korruption abbauen und Entscheidungsprozesse deutlich beschleunigen. Sie würde Straßen und Häfen bauen, um das Wachstum zu unterfüttern. Sie würde die Landwirtschaft stärken, statt sie nur zu subventionieren. Sie würde die Industrie fördern, denn noch keinem Land gelang es, aus einer Agrargesellschaft direkt eine Dienstleistungsgesellschaft zu formen. Nichts von alledem geschieht. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage stattdessen spürbar verschlechtert.

          Indien wird es sehr schwer fallen, den Abwärtstrend aufzuhalten. Zwar entspricht diese Krise nicht den Zuständen von 1991, als die Inder ihr Land abgewirtschaftet hatten. Immer noch sitzt Indien auf einem Devisenschatz in dreistelliger Milliardenhöhe. Doch sind steigende Preise, sinkende Wachstumsraten, eine schmelzende Währung und ein großes Leistungsbilanzdefizit eine brandgefährliche Mischung. Insbesondere dann, wenn die Bürger das Vertrauen in die Politik verlieren. Der gute Monsun, der den Bauern dank starker Ernten Geld in ihre Kassen spült, dürfte Indien in den kommenden Wochen helfen. Die grundlegenden Probleme wird er nicht lösen.

          Dabei darf niemand mit Blick auf den Subkontinent vergessen, dass es in der Krise dort nicht nur um Zahlen und Statistiken geht, oder um einen Richtungsstreit unter Ökonomen um das bessere Entwicklungsmodell. In Indien geht es auch heute noch um grundlegende Bildung, um Nahrung, um Überleben. Die Krise verschärft die Lage. Versagt der Staat, sterben Menschen. Und das zu Tausenden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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