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Folge des Handelskonflikts : Südkorea wird beim Mindestlohn vorsichtig

Stände auf dem Namdaemun Markt in Seoul: Vor allem Kleinstbetriebe in Südkorea mussten wegen drastisch gestiegener Mindestlöhne Mitarbeiter entlassen. Bild: AFP

Nach drastischen Zuwächsen in den Vorjahren wird der Mindestlohn in Südkorea 2020 nur um 2,9 Prozent steigen. Der Kompromiss spiegelt die schwächere Konjunktur und die Schäden am Arbeitsmarkt wider, die der höhere Mindestlohn verursacht hatte.

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          Zwei Jahre lang war es ein Kernbaustein der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik von Präsident Moon Jae-in: die jährliche drastische Steigerung des Mindestlohns. Jetzt aber, da die wirtschaftlichen Aussichten unter anderem als Folge des amerikanisch-chinesischen Handelskrieges schlechter werden, rückt die Regierung von ihren Zielen ab und zeigt Flexibilität. Im kommenden Jahr wird der Mindestlohn in Südkorea nur um 2,9 Prozent auf 8590 Won (6,50 Euro) je Stunde steigen. Das beschloss am Freitag die Mindestlohnkommission, der unter anderem Vertreter von Gewerkschaften und Unternehmen angehören.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Mit dem Zuwachs um 2,9 Prozent steigt der Mindestlohn erheblich weniger als in den beiden Vorjahren, in denen es auf Druck von Moon Zuwächse um 16,4 und 10,9 Prozent gab. Die Regierung erhoffte sich von den drastischen Zuwächsen mehr Einkommen und einen stärkeren Konsum, um die Binnennachfrage zu stützen. Doch diese Strategie des „einkommensgeführten Wachstums“ zeigte in den vergangenen Jahren ihre Schattenseiten: Kleine und Kleinstbetriebe klagten über höhere Kosten und der Beschäftigungszuwachs verlangsamte sich. Viele kleinere Betriebe entließen Teilzeitbeschäftigte.

          Selbst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die den politischen Kurs Moons unterstützt, warnte schon im vergangenen Jahr vor den negativen Folgen der Anhebung des Mindestlohns, wenn die steigenden Löhne nicht durch ein Produktivitätszuwachs ausgeglichen würden. Das aber ist schwer zu erlangen, zumindest in den oft vom Inhaber geführten Kleinstbetrieben mit wenigen Angestellten, die vielfach im Dienstleistungsgewerbe tätig sind.

          Gewerkschaften zunehmend kritisch gegenüber Regierung

          Erstmals seit 2009 hatten die Arbeitgeber eine Senkung des Mindestlohns gefordert, während die Gewerkschaften eine Steigerung um 19,8 Prozent auf 10.000 Won je Stunde verlangten. Das war das Ziel, das Präsident Moon nach seinem Wahlsieg 2017 für 2020 angekündigt hatte. Nach dem Kompromiss sprach ein Gewerkschaftsdachverband am Freitag von einem Mindestlohndebakel. Die harte Wortwahl ist ein Indiz dafür, dass die Gewerkschaften zunehmend kritischer gegenüber der Regierung des Linksliberalen Moon eingestellt sind. Das liegt unter anderem daran, dass Moon in der wirtschaftlich schwierigeren Zeit verstärkt die Nähe zu den Unternehmern auch der großen Konglomerate sucht.

          Südkorea reagiert mit dem niedrigeren Zuwachs des Mindestlohns auch auf die konjunkturelle Verlangsamung. Die Regierung hatte Anfang Juli die Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 2,4 bis 2,5 Prozent gesenkt, nachdem sie im Dezember noch bis zu 2,7 Prozent erwartet hatte. Die OECD prognostiziert ein Wachstum von 2,4 Prozent, manche private Konjunkturexperten erwarten nur noch eine Rate von 2 Prozent. Südkorea ist im Export sehr von China abhängig und leidet so unter der Verlangsamung des dortigen Wachstums.

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