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Mehr Gewalt, weniger Hilfe : Schulschließungen sind für arme Kinder gefährlich

Der verlassene Schulhof einer wegen der Corona-Krise geschlossenen Schule in Berlin. Bild: dpa

Eine längere Zeit ohne Unterricht trifft Schüler aus prekären Verhältnissen viel härter als andere. Nicht nur, weil sie weniger lernen. Fachleute warnen vor einer Zunahme häuslicher Gewalt.

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          „Summer Learning Loss“ – in den Vereinigten Staaten ist das ein seit Jahrzehnten heiß diskutiertes Thema. Dort dauern die Sommerferien lange drei Monate, und Untersuchungen aus den neunziger Jahren haben gezeigt, dass die Schüler aus den Ferien weniger schlau zurückkommen als sie hineingegangen sind. „Die Studien zeigen, dass drei Monate Ferien bis zu 2,5 Monate schon einmal gewussten Schulwissens kosten können“, sagt Susanne Kuger, Bildungsforscherin im Deutschen Jugendinstitut. Dass die sechs Wochen Sommerferien in Deutschland größeren Schaden anrichteten, habe bisher aber noch keine Studie bestätigt.

          Lisa Becker

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          Christoph Schäfer

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          Wegen der Corona-Pandemie wurden die Schulen drei Wochen vor den Osterferien geschlossen, zusammen mit den Ferien ergibt sich eine Lücke von fünf Wochen. Doch was ist, wenn die Schließungen nach Ostern fortgesetzt werden? Und vor allem: Wie wirken sie sich auf Kinder aus armen Familien aus?

          Bei Schülern, deren Eltern nicht zu Hause seien oder die wegen fehlender Deutschkenntnisse nicht helfen könnten, müsse man aufpassen, warnt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. „Bis nach Ostern kriegen wir das hin. Wenn die Schulschließungen länger andauern, wird es ganz andere Notfallpläne brauchen.“

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          Es kommt nämlich sehr darauf an, wie die Kinder und Jugendlichen ihre Tage verbringen. In den amerikanischen Studien erlitten arme Kinder teilweise einen wesentlich größeren Lernverlust als andere Schüler. „Wenn es bei fünf Wochen bleibt, bin ich erst mal optimistisch“, sagt auch Kuger. Sollte es aber länger gehen, dann verliere man eine Menge Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Sie lernten nicht nur weniger, es litten auch das Arbeitsverhalten, das Einüben von schulrelevanten Verhaltensweisen und der geregelte Tagesablauf. „Die Gefahr ist groß, dass diese Schüler abrutschen, wenn sie morgens noch nicht einmal aufstehen müssen.“

          Die Schließungen könnten zu einem „Katalysator für mehr Bildungsungerechtigkeit“ werden, befürchtet Udo Beckmann, der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE. Da seien auf der einen Seite die Kinder, die unter der Ägide ihrer Eltern mehr Aufgaben als nötig machten, private Nachhilfe bekämen und digitale Angebote nutzten. Am anderen Ende befänden sich die Schüler, deren Eltern „emotional, kognitiv oder ökonomisch nicht in der Lage sind“, ihren Kindern zu helfen. „Alle Lehrkräfte wissen, dass es Kinder gibt, bei denen man jeden Tag wieder froh ist, dass sie in der Schule einen festen Rhythmus, eine fürsorgliche Bezugsperson und ein Mittagessen erhalten.“

          „Schule ist gerade für arme Kinder ein wichtiger Raum für Erfahrungen, die sie zuhause nicht machen können“, sagt Maresi Lassek, die Vorsitzende des Grundschulverbands. Viele wohnten in einem wenig anregenden Umfeld am Stadtrand. „Die Kinder erschließen sich dort die Welt nicht authentisch, sondern medial.“ Sie lernten kein Instrument, machten wenige kulturelle Erfahrungen und unternähmen kaum Reisen. Oft lebten sie in begrenzten Wohnverhältnissen, hätten keinen Garten. Die Familien seien groß, zuhause sei es laut und eng. „Womöglich ist die Mutter alleinerziehend und muss zur Arbeit. Dann sind die Kinder noch mehr allein als sonst schon.“ Während andere Kinder Spiele, Bücher und Baumaterial zuhause hätten, bastelten und malten sie kaum. In der Schule könnten sie hingegen ihr Wissen von der Welt erweitern, es gebe Bücher, Projekte, Ausflüge.

          Die Lehrer schickten nun Arbeitsmaterial nachhause. „Das ist offensichtlich sehr unterschiedlich gelaufen“, hat Lassek von Lehrern erfahren. Die einen Eltern erkundigten sich danach, seien erreichbar, gingen auf die Homepages. In ärmeren Haushalten fehle es schon an Laptops und Druckern. Und wenn die Kinder Unterstützung brauchen, könnten die Eltern nicht helfen. „Die Distanz zur Schule wird wachsen“, befürchtet die Pädagogin. Und sie befürchtet noch etwas: dass „durch die Verhältnisse, in denen die Kinder nun ihre Tage verbringen“, die Gewalt größer wird. Sollten die Schließungen länger dauern, dann müssten sich die Kultusminister Gedanken machen, was mit diesen Kindern geschehe. „Auch Kinder aus prekären Verhältnissen müssten dann ein Recht auf Betreuung haben“, fordert Lassek.

          Die Sozialpädagogin Anna Maria Althelmig arbeitet in einem multiprofessionellen Team an einer Brennpunkt-Grundschule in Berlin-Wedding. „Wir haben zum Teil Eltern, die schlecht Deutsch sprechen, manche sind Analphabeten.“ Man habe die Eltern informiert, warum die Schule geschlossen sei, man habe ihnen Material mitgegeben und ihnen mitgeteilt, wo sie Lernplattformen im Internet finden. Doch nicht alle Familien verfügten über die nötigen Endgeräte. Zudem seien die Eltern schon im normalen Alltag kaum in der Lage, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen. Mit Blick auf Kinder aus privilegierten Verhältnissen habe sie hingegen „bei manchen das Gefühl, die kommen schlauer in die Schule zurück, weil sie nun Einzelunterricht bekommen“. Da gehe die Schere nochmal weiter auf.

          „Wir machen uns Sorgen“

          „In Einzelfällen gab es seit der Schließung keinen Kontakt zu den Eltern. Es wurden keine Materialien abgeholt, sie sind telefonisch nicht erreichbar. Wir machen uns Sorgen“, sagt Althelmig. Kinderschutz sei ein Thema - häusliche Gewalt, Vernachlässigung, Verwahrlosung. Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern sei derzeit schwierig. „Auch die müssen einen Notfallplan fahren.“

          Der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Arche“, Bernd Siggelkow, berichtet von Familien, die zu acht in einer 70-Quadratmeter-Wohnung mit vier Zimmern wohnen. Das führe zu mehr häuslicher Gewalt. Arche bittet deshalb um Spenden von Smartphones und Prepaid-Karten. Diese würden an die mehr als 4000 Kinder weitergegeben, die sonst die Sozialeinrichtung besuchten, damit die Mitarbeiter mit ihnen in Kontakt bleiben könnten. „Wir dürfen diese Familien nicht mit der erzwungenen Isolation sich selbst überlassen.“ Das Bundesfamilienministerium hat gerade mitgeteilt, dass die Beratungsangebote gegen häusliche Gewalt deutlich stärker nachgefragt würden. Das Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ verzeichne einen Anstieg von 21 Prozent gegenüber den Vormonaten. Die Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche werde 26 Prozent häufiger genutzt.

          Das Problem ist nicht auf Deutschland beschränkt. Mehrere Quellen aus China berichten, dass sich die Zahl der Betroffenen von häuslicher Gewalt während der Quarantäne verdreifacht habe. Auch aus Italien und Spanien, wo schon länger Ausgangssperren in Kraft sind, gibt es dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung zufolge „ähnliche, erschreckende Zahlen“. In der aktuellen Situation seien Familien vielfach ununterbrochen zusammen, oft beengt und ohne Privatsphäre. Zudem seien Lehrerinnen, Erzieher oder Sozialarbeiterinnen sowie Freunde nicht wie üblich verfügbar oder erreichbar.

          Besonders betroffen sind Alleinerziehende. Weil die Kitas und Schulen geschlossen sind und die Großeltern als Aufpasser wegfallen, müssen sie in den meisten Fällen selbst ihre Kinder zu Hause beaufsichtigen. Die Bundesregierung will berufstätige Eltern, die mangels Kinderbetreuung ihrer Arbeit nicht nachgehen können, zwar entschädigen. Doch das ersetzt das Gehalt nicht vollständig. „Bei vielen Alleinerziehenden klafft trotz dieser Leistung von 67 Prozent des Nettolohns eine Lücke im Budget“, klagt der Verband alleinerziehender Mütter und Väter. Alleinerziehende und ihre Kinder lebten schon jetzt oft von kleinen Einkommen. 42 Prozent seien schon vor der Krise armutsgefährdet gewesen.

          Sozialpädagogin Althelmig ist fasziniert davon, was ihre Lehrerkollegen derzeit leisteten, wie Materialien hin- und hergeschickt werden. „Es ersetzt aber nicht den direkten Kontakt. Gerade für Grundschüler ist es eine große Herausforderung, lange alleine zu lernen.“ Sie brauchten Input von außen und eine persönliche Ansprache. „Viele unserer Schüler hängen jetzt vor allem am Handy. Wir machen schon nach einem Wochenende die Erfahrung, dass sie die meiste Zeit gezockt haben. Den Eltern fehlen die Ideen.“ Wenn die Schule wieder losgehe, werde man viel Zeit brauchen, um aufzuarbeiten, was in den Wochen oder Monaten zuvor passiert ist.

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