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Schulprojekt : Den Ausbildungsvertrag schon in der Tasche

Gezielt werden die Schüler an die Ausbildungsreife herangeführt Bild: Franz Bischof

Ein Schulversuch in Niedersachsen lässt aufhorchen: An der Kooperativen Gesamtschule Neustadt schaffen fast alle Hauptschüler den Abschluss. 70 Prozent beginnen danach eine Ausbildung, die anderen besuchen eine weiterführende Schule.

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          „Das Projekt ist phänomenal.“ Hans-Jürgen Irmer lässt seiner Begeisterung freien Lauf. Die Bewunderung des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag gilt einem Schulversuch an einer niedersächsischen Hauptschule. Am Morgen sind er und drei Kollegen in das norddeutsche Städtchen Neustadt am Rübenberge gereist, um sich wie schon einige Schulpolitiker vor ihnen das „Neustädter Modell“ anzuschauen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          2004 wurde es im Hauptschulzweig der Kooperativen Gesamtschule (KGS) begonnen; seitdem haben dort jedes Jahr bis auf höchstens ein oder zwei Ausnahmen alle Schüler die Schule mit einem Abschluss verlassen. Vor dem Versuch war das noch anders gewesen: Jeweils zehn oder elf Hauptschüler hatten den Abschluss nicht geschafft. Was außerdem erstaunt, ist die hohe Vermittlungsquote in den Beruf. Knapp 70 Prozent der KGS-Hauptschüler haben einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, wenn sie die Schule abschließen; früher war es höchstens ein Viertel. Die restlichen Schüler besuchen eine weiterführende Schule.

          8 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss

          Das Interesse von Schulpolitikern aus ganz Deutschland an dem Neustädter Schulversuch verwundert wenig, sind doch Jugendliche ohne Hauptschulabschluss die größten Sorgenkinder unter allen Schülern. 8 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Sie sind besonders gefährdet, zu den rund 15 Prozent der jungen Erwachsenen zu gehören, die keine Berufsausbildung haben. Die Konsequenz aus diesen Befunden lautet für manche, die Hauptschulen abzuschaffen und auf zwei- oder sogar eingliedrige Schulsysteme zu setzen.

          Lernen an Praxisbeispielen

          Andere plädieren dafür, die Hauptschulen zu stärken. Aber wie? Dass das Neustädter Modell ein Vorbild sein könnte, hoffen auch die Hertie-Stiftung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und die Deutsche Bank Stiftung. Die haben der KGS Neustadt gerade den mit 15 000 Euro dotierten ersten Preis in ihrem bundesweiten Wettbewerb „Starke Schule“ zugesprochen. Damit gehört die KGS für die Jury zu „Deutschlands besten Schulen, die zur Ausbildungsreife führen“. Diese Leistung würdigte auch Bundespräsident Horst Köhler, der den Preis überreichte.

          Zwei ganze Tage in der berufsbildenden Schule

          Wer nach Neustadt am Rübenberge, das 25 Kilometer nordwestlich von Hannover liegt, fährt, um sich über den Schulversuch zu informieren, wird nicht nur vom Direktor der KGS, Herwig Dowerk, begrüßt, sondern auch von Bernhard Marsch, der die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Neustadt leitet. Das Geheimnis des Projektes ist nämlich, dass die Hauptschüler in der 9. und 10. Klasse zwei ganze Tage in der Woche in der berufsbildenden Schule verbringen. Dort erhalten sie eine berufliche Grundbildung.

          Die ist so intensiv, dass die meisten, wenn sie die Schule abgeschlossen haben, von ihren Ausbildungsbetrieben das erste Lehrjahr erlassen bekommen. Vor allem praktisch, aber auch theoretisch lernen sie, wie man Brotteig herstellt, Haare färbt, Holzwürfel baut oder Metalle bearbeitet. Jeder Schüler muss sich für eine der vier Fachrichtungen Holz/Farbe, Metalltechnik, Körperpflege oder Nahrung entscheiden. Einige suchen sich in dem gewählten Bereich später eine Lehrstelle, andere nicht. „In jedem Fall wissen sie danach besser, was sie wollen“, sagt Tjark Ommen, der die Hauptschule leitet.

          „Man geht lieber in die Woche, weil man nicht nur rumsitzt“

          Von den Betrieben, in denen sich die Schüler bewerben, bekommt Ommen viele positive Rückmeldungen. „Weil unsere Schüler schon wissen, was in einem Betrieb passiert, führen sie Vorstellungsgespräche viel selbstbewusster“, sagt er. So gäben sie die Hand und stellten sich ordentlich vor. Auch säßen sie mit einem geraderen Rücken im Bewerbungsgespräch. „Die können einfach schon etwas.“

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