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Schuldenkrise : Staatendämmerung

Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ ist eine der gewaltigsten Kritiken am modernen Staat Bild: AP

Richard Wagner kritisiert im „Ring“ nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die Politik. Sein Drama wird zur Allegorie der Staatsschuldenkrise.

          Am Anfang war die Staatskrise, dann kam die Finanzkrise. Staaten geben Geld aus, das sie nicht haben: Das macht sie abhängig vom Kapitalmarkt. Häufig geht es in der wirklichen Welt zu wie im Mythos. Auch heute.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Wotan erwacht (zu Beginn der zweiten Szene des „Rheingolds“, dem ersten Teil der Ring-Tetralogie Richard Wagners), und der Blick des göttlichen Staatsoberhauptes fällt auf seine mit blinkenden Zinnen im hervorbrechenden Tag erglänzende Burg Walhall, ein überdimensionierter Staatspalast, der gerade erst vollendet wurde: Prächtig prahlt der prangende Bau. Stark und schön, steht er zur Schau. Aus dem Orchestergraben gibt es sattes, tiefes Blech, das Walhall-Motiv. Wotan ist stolz und zufrieden.

          Auf Bayreuths Grünem Hügel Bilderstrecke

          Das Problem: Der Staat Wotans hat sich schwer übernommen; man lebt über seine Verhältnisse und gibt mehr Geld aus, als man hat. Die Finanzierung der prächtigen, aber überdimensionierten Burg Walhall hängt völlig in der Luft. Männlichen „Leichtsinn“ unterstellt Fricka ihrem Gemahl Wotan: „Was ist euch Harten doch heilig und wert, giert ihr Männer nach Macht.“ Wotan will den Vorwurf der Machtgier nicht auf sich sitzen lassen und dreht den Spieß um: „Gleiche Gier war Fricka nicht fremd, als selbst um den Bau sie mich bat.“ Fricka reagiert beleidigt, gibt zu Protokoll, sie habe in den Palastbau nur eingewilligt, um den Gemahl - einen notorischen Hallodri und Herumtreiber („Wandel und Wechsel liebt, wer lebt“) - an sich zu binden und zu größerer Sesshaftigkeit und Treue zu verführen.

          Einerlei, ob männliche oder weibliche Gier: Der Götterstaat ist hoffnungslos überschuldet, sein Kapitalbedarf enorm und guter Rat teuer. Staatliche oder halbstaatliche Großprojekte laufen finanziell notorisch aus dem Ruder. Die teure Baufirma (zwei Riesen namens Fasold und Fafner) dringen auf alsbaldige Begleichung ihrer Rechnungen. Wie üblich haben sie vor Baubeginn vertraglich für den Fall staatlicher Liquiditätsschwierigkeiten vom Schuldner eine Sicherheit verlangt, worauf Wotan - nicht sonderlich feinfühlig - seine Schwägerin Freia als Pfand bot, die verständlicherweise Zeter und Mordio schrie, als sie zu ahnen begann, dass die Riesen nun auf Vertragserfüllung drangen.

          Das Unheil nimmt seinen Lauf

          Loge, ein „amoralischer Intellektueller außerhalb der Legalität“ (Vicco von Bülow alias Loriot), aber auch Halbgott, der Wotan einiges verdankt und der bei den Vertragsverhandlungen als eine Art Anwalt oder Notar fungierte, hatte versprochen, das Pfand auszulösen, Freia vor ihrem Schicksal bei den Riesen zu bewahren und den Gläubigern dafür Kompensation zu verschaffen. Jetzt musste er liefern. Das Rheingold, so Loges Idee, ein großes Kapital, welches, den Rheintöchtern entwunden, sich widerrechtlich in den Händen der Nibelungen befand, könnte man den Räubern klauen und den Riesen zum Ersatz anbieten. Die Straftat, welche der Raub darstellt, wäre moralisch minder verrucht und als legaler Besitz zu deklarieren, weil auch die Nibelungen das Gold durch Raub erworben hatten: „Was ein Dieb stahl, das stiehlst du dem Dieb - ward leichter ein Eigen erlangt?“

          Auch wenn bis hierher allenfalls eine der insgesamt rund achtzehn Stunden (inklusive Pausen) der Ring-Tetralogie verstrichen sind: Das meiste ist gelaufen; das Unheil nimmt seinen Lauf. Geldgier ist Kehrseite und Folge der Machtgier - das Ring-Motiv spiegelt in Moll das in Dur gesetzte Walhall-Motiv.

          Unstillbarer Kapitalbedarf

          Unersättlicher staatlicher Macht-, Repräsentations- und Selbstdarstellungshunger ist der Ausgangspunkt eines unstillbaren staatlichen Kapitalbedarfs. Kein Wunder, dass Wotan nicht ruht, dem Riesen Fafner (Fasold, der andere Riese, wurde zwischendurch erschlagen) den Schatz wieder abzunehmen, um selbst in den Besitz des Rheingolds zu gelangen, eine Aufgabe, die, um den rechtsstaatlichen Schein zu wahren, er vom unschuldigen Siegfried ausführen lässt, seinem Enkel, dem Nachkommen eines seiner zahlreichen unehelichen Abenteuer.

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