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Schuldenkrise : Spanien taumelt immer tiefer in die Krise

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Die Situation Spaniens am Finanzmarkt spitzt sich zu, nur der Bär am Erdbeerbaum - Madrids Wahrzeichen - bleibt unbeeindruckt Bild: REUTERS

Für Spanien wird es an den Finanzmärkten immer enger. Das Vertrauen der Anleger schwindet, das Land muss seinen Gläubigern inzwischen mehr als 6 Prozent Zinsen bieten. Damit nähert sich Spanien dem Niveau, an dem Griechenland, Portugal und Irland Hilfe suchten.

          Für Spanien hat sich die Lage an den Finanzmärkten zu Wochenbeginn weiter zugespitzt. Für die viertgrößte Volkswirtschaft im Euroraum wird es immer teurer, Kapital aufzunehmen. Die viel beachteten Renditen für spanische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stiegen erstmals in diesem Jahr wieder auf mehr als 6 Prozent. Viele Investoren gehen davon aus, dass Spanien Geld von anderen Staaten in Anspruch nehmen wird.

          Ausschlaggebend für die jüngste Eintrübung ist die angespannte Haushaltslage in Spanien. Der Zinsanstieg wurde außerdem von anhaltenden Sorgen um die spanischen Banken ausgelöst. Sie liehen sich im März 316 Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank (EZB) - rund doppelt so viel wie im Februar. Viele Geldhäuser leiden unter den Folgen einer Immobilienblase, die in den vergangenen Jahren geplatzt ist.

          Spanien wieder in der Rezession

          Die spanische Wirtschaft ist nach Einschätzung der Regierung zu Jahresbeginn abermals geschrumpft und steckt damit zum zweiten Mal seit 2009 in einer Rezession. „Das erste Quartal dürfte genauso ausgefallen sein wie das letzte Quartal des vergangenen Jahres“, sagte Wirtschaftsminister Luis de Guindos. Im Schlussvierteljahr 2011 war das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent gesunken. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge wird von einer Rezession gesprochen. Der Minister sagte, er habe aber vor wenigen Wochen noch mit einem viel deutlicheren Rückgang gerechnet.

          Um die Konjunktur anzukurbeln, will die Regierung mittelständischen Unternehmen einen besseren Zugang zu Krediten verschaffen. „Wir werden einen Markt für Unternehmensanleihen vorantreiben, der für mittelständische Firmen sehr attraktiv sein könnte“, sagte de Guindos. Die Unternehmen leiden unter einem schlechten Zugang zu neuen Krediten. Die Kreditvergabe sei zuletzt um vier Prozent geschrumpft.
           

          Am spanischen Rentenmarkt hat sich die Lage in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen stiegen am Montag zum ersten Mal in diesem Jahr über sechs Prozent auf 6,12 Prozent. Viele Experten halten ein Niveau von mehr als sechs Prozent für langfristig nicht tragbar. Allerdings ist die Situation damit noch nicht ganz so schlimm wie im November 2011, als neben Spanien und Italien auch wichtige Kernländer Europas bis hin zu Frankreich in die Schusslinie geraten waren. Seinerzeit standen einige europäische Anleihemärkte kurz vor der Kollaps, bevor eine gemeinsame Aktion führender Notenbanken für Entspannung gesorgt hatte. Zusätzliche Erleichterung brachte die EZB, die den europäischen Bankensektor seit Dezember mit zwei riesigen Geldspritzen über insgesamt eine Billion Euro versorgt hat.

          Die Unsicherheit sei gestiegen, weil Vertreter der EZB unterschiedliche Positionen zur Wiederaufnahme des Anleihenkaufprogramms hätten, sagte Rainer Guntermann, Anleiheexperte bei der Commerzbank. „Derzeit gibt es dafür im EZB-Rat offenbar keine Mehrheit.“ Mit Spannung erwartet werde die nächste spanische Anleiheauktion am Donnerstag. Spanien will am Dienstag dieser Woche Geldmarktpapiere am Markt unterbringen und am Donnerstag zweijährige und zehnjährige Anleihen platzieren.

          Barroso versucht die Märkte zu beruhigen

          Als Reaktion auf die Entwicklung an den Finanzmärkten hat EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso Spanien sein Vertrauen ausgesprochen. Er vertraue in die Finanzkraft des Landes, sagte Barroso am Montag in Brüssel: „Ich bin absolut überzeugt davon, dass Spanien in der Lage sein wird, die Herausforderungen zu meistern“. Er sei „vollkommen zuversichtlich“, dass die spanische Regierung alle Schwierigkeiten bewältigen werde.

          Barrosos Sprecherin wies Fragen nach einer Aufstockung des Euro-Rettungsfonds zurück, dies sei kein Thema. Die Finanzminister der Euro-Länder hatten sich Ende März darauf verständigt, den neuen Euro-Rettungsfonds ESM von den bisher geplanten 500 auf rund 800 Milliarden Euro aufzustocken. Dazu werden verschiedene Töpfe auch aus dem bisherigen Fonds EFSF hinzugezählt. Nach Ansicht von Experten sind die Rettungsfonds aber zu klein, um Spanien im Notfall helfen zu können.

          Die Kosten von Kreditausfallversicherungen für spanische Staatsanleihen kletterten inzwischen sogar auf ein Rekordhoch: Um Bonds mit fünfjähriger Laufzeit im Wert von zehn Millionen Dollar vor einem Verlust zu schützen, wird eine jährliche Versicherungssumme von 520.000 Dollar verlangt. „Wir sind voll zurück im Krisenmodus“, sagte Rabobank-Analyst Ly Graham-Taylor. „Es sieht immer mehr danach aus, als ob Spanien irgendeine Art von Rettung braucht.“

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