https://www.faz.net/-gqe-6zi2u

Schuldenkrise : Frankreich vor dem Abstieg

Beim wahren Luxus setzt Frankreich noch immer die Maßstäbe. Bild: Johann Rousselot/laif

Die Wirtschaft ist zentrales Thema des Wahlkampfs in Frankreich: Die jungen Franzosen finden keine Jobs, die Industrie produziert zu teuer, das Staatsdefizit läuft aus dem Ruder: Unter den Ländern der ersten Liga in Europa ist Frankreich das Sorgenkind.

          6 Min.

          Es gab einmal eine Zeit, da war Frankreich das Land der großen Sehnsucht. Wer von gutem Essen sprach, der dachte an Gänsestopfleber aus dem Périgord und an Austern von der Atlantikküste, und als Weinbegleitung für ein solches Essen kamen ausschließlich französische Etiketten von der Champagne bis zum Bordelais in Frage. Die Mode wurde auf Französisch buchstabiert, ob es sich nun um Louis Vuitton handelte oder um Yves Saint Laurent.

          Sorgenkind der ersten Liga

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch technologisch schien das Land an der Spitze des Kontinentes, wenn nicht der Welt zu marschieren. Der TGV raste schon von Paris nach Lyon, als in Deutschland noch lokbespannte Intercity-Züge durchs enge Rheintal zuckelten. Und niemand dachte hierzulande ans Internet, als die meisten Franzosen bereits den Vorläufer Minitel nutzten.

          Eine Woche vor der zweiten Runde der Präsidentenwahl ist von Bewunderung im europäischen Ausland wenig zu spüren. Unter den Ländern der ersten Liga in Europa gilt Frankreich schon als das Sorgenkind. Als der sozialistische Kandidat François Hollande im ersten Wahlgang besser abschnitt als Konkurrent Nicolas Sarkozy, da reagierten am nächsten Tag viele Anleger mit Verkäufen von Aktien und Anleihen. Bis zur Stichwahl am nächsten Sonntag sagen Analysten den Finanzmärkten eine „holprige Zeit“ voraus.

          Wider den Spar-Taliban?

          Hollande hat angekündigt, die Verträge zum europäischen Fiskalpakt neu verhandeln zu wollen. In den Statuten der Europäischen Zentralbank will er neben dem Ziel der Geldwertstabilität auch das der Wachstumsförderung etablieren - und über Eurobonds nachdenken, also über gemeinsame Staatsanleihen aller Euroländer, zumindest für einzelne Projekte in Europa.

          Schon frohlockt man in Italien, unter Hollande werde Frankreich sich von der Seite Deutschlands lösen und ins Lager der südeuropäischen Länder vorstoßen. Lässt sich aus den Vorschlägen des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten wirklich ablesen, dass Frankreich dem deutschen „Spar-Taliban“, wie es ein Politiker formulierte, die Harke zeigen wird?

          Klare Absage von Merkel

          Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte auf jeden Fall verschnupft. „Es wird beim Fiskalpakt keine Neuverhandlungen geben“, wetterte sie. Neue Schulden zu machen, um mit dem Geld das Wachstum zu fördern, das halte sie für grundfalsch. Ein „Wachstum auf Pump“ werde es mit Deutschland nicht geben. Stattdessen sei eine Politik notwendig, die „Staaten wieder wettbewerbsfähig macht“ und so „Wachstum und Beschäftigung fördert“. Eine klare Absage.

          Ist Frankreichs wirtschaftliche Lage wirklich so desolat, dass man sich jetzt schon im Kreis der Südländer besser aufgehoben fühlt als an der Seite des exportstarken und austeritätsverliebten Krisengewinners Deutschland?

          Es stimmt: Vom alten Glanz ist wenig geblieben. Schnelle Züge fahren inzwischen auch andernorts in Europa, das Internet wird von amerikanischen Firmen dominiert. Internationale Weinfans decken sich längst auch mit spanischem Tempranillo und deutschem Riesling ein, der europaweit bekannteste Fernsehkoch Jamie Oliver ist - Gott bewahre! - ein Engländer. Und Leute, die „Liberté toujours“ früher über den Dächern von Paris suchten, finden sie heute eher in den Hinterhöfen der deutschen Hauptstadt, aus der auch die jüngeren Modetrends kommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Hagia Sophia in Istanbul

          Debatte um Hagia Sophia : Erdogan, der „zweite Eroberer Istanbuls“?

          Die Hagia Sophia in Istanbul kann wieder eine Moschee werden. In der Türkei gibt es keinen Zweifel, dass Präsident Erdogan bald ein entsprechendes Dekret unterzeichnet. Seine Kritiker sehen die Debatte als nationalistische Selbstinszenierung – und als Ablenkungsmanöver.

          Nach Corona-Ausbruch : Tönnies beantragt Lohnzahlung vom Land

          Deutschlands größter Fleischbetrieb und mehrere seiner Subunternehmer haben beantragt, dass ihnen das Land Teile der Löhne für die Quarantänezeit erstattet. Die Aussicht auf Erfolg ist gering.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.