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Schuldenkrise : Europa in der Welt von heute

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Sicheres Geld? Das Hologramm auf den Euro-Scheinen macht noch keine sichere Währung.
          10 Min.

          Vor fünfzig Jahren hielt Wilhelm Röpke einen Vortrag mit dem Titel „Europa in der Welt von heute“ vor dem Handels- und Industrieverein in Thun. Röpke definierte dabei Europa als „Name eines gemeinsamen Kultur-, Wert- und Gefühlssystems. ... Jedes Monolithische, starr Schablonenhafte ist ihm fremd, und keine Feststellung ist hier zugleich wahrer wie unbestrittener als die, daß es das Wesen Europas ausmacht, eine Einheit in der Vielfalt zu sein, weshalb dann alles Zentristische Verrat und Vergewaltigung Europas ist, auch im wirtschaftlichen Bereiche.“

          Röpkes Mahnung nährt Skepsis gegenüber dem heute häufig geäußerten Wunsch nach einer gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftspolitik. Allenthalben wird aus Berlin und Paris anderes proklamiert: die Wirtschaftsregierung für Europa, der Sparkommissar für Griechenland, der Europäische Finanzminister, weit reichende Durchgriffsrechte Brüssels in die Haushaltspolitik der Mitgliedsländer. Die Antwort auf die Europäische Schuldenkrise sei jedenfalls „mehr Europa“.

          Röpke sah sich als entschiedenen Europäer. Jedoch sei es für einen Nationalökonomen schwer, ein guter Europäer zu sein und gleichzeitig im Ruf eines solchen zu stehen, weil so manches Unterfangen im Namen Europas aus ökonomischer Sicht kritisiert werden müsse. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Angesichts der EU-Schuldenkrise bleibt einem Ökonomen nichts anderes übrig, als sich unbeliebt zu machen.

          Ökonom Wilhelm Röpke (1899 - 1966)
          Ökonom Wilhelm Röpke (1899 - 1966) : Bild: Professor Wilhelm Roepke, Foto dpa

          Das Verständnis für Röpkes Analyse des europäischen Einigungsprozesses erschließt sich vornehmlich aus drei Perspektiven. Röpke trat entschieden für Freihandel und gegen Protektionismus ein. Er war ein vehementer Gegner des Kollektivismus jeglicher politischer Couleur. Und er war ein begeisterter Anhänger eines Föderalismus mit weitgehenden Kompetenzen nachgeordneter Gebietskörperschaften, wie sie die Kantone in der Schweiz genießen.

          So sah er einerseits die Chancen der europäischen Wirtschaftsintegration als Etappe auf dem Weg zum weltwirtschaftlichen Freihandel. Die europäische Integration als regionales Präferenzsystem hat handelsschaffende Effekte. Sie wirke als Befreiung nach innen. Andererseits bestehe aber das Risiko einer Abschließung nach außen: Mit der gemeinsamen Zollpolitik werden handelsumlenkende Effekte begründet. Um sicherzustellen, dass der handelsschaffende Effekt überwiegt, sollten die Mitgliedsländer der Zollunion ihre Zölle universell senken.

          Wortgewaltig warnte Röpke vor der Spaltung Europas, wenn er den Ausschluss anderer europäischer Staaten, insbesondere des Vereinigten Königreichs, Spaniens und der Schweiz, durch hohe Zutrittsschranken in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) geißelte. Röpke lehnte die Montanunion und die gemeinsame Agrarpolitik als kollektivistisch ab.

          „Ob Wilhelm Röpke am heutigen Zustand Europas Freude hätte, mag bezweifelt werden. Er blieb immer ein Skeptiker.“

          Was den Europäer Röpke auszeichnete, das war der Blick auf das große Ganze. Die wirtschaftliche Einheit Europas könne nur eine Etappe auf dem Weg zur politischen Einigung sein. Gleichwohl könne auf absehbare Zeit nicht mit dem erforderlichen Grad an Gemeinschaftsgefühl gerechnet werden, der die Schaffung einer europäischen Nation im Sinne eines solchen Bundesstaats erlaube. Nach Einschätzung Röpkes muss der politischen Integration dabei das Primat gegenüber dem Wirtschaftlichen zukommen. Die Schweizerische Eidgenossenschaft habe auch nicht mit einer Union der kantonalen Käsereien im Mittelalter begonnen, sondern als Akt der Selbstbehauptung gegen äußere Bedrohung der Freiheit und mit einem Gemeinschaftsgeist, der dieser Lage entsprang.

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