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Schuldenkrise : Die Macht der Griechen

Gläubiger haben bei Staatspleiten weniger Rechte als bei anderen Insolvenzen: Der Besitz des Staates wird nicht gepfändet und er muss auch keinen Insolvenzverwalter akzeptieren. Bild: Rüchel, Dieter

Die privaten Gläubiger erlassen Griechenland Schulden. Angeblich freiwillig. In Wirklichkeit aus purer Ohnmacht.

          Acht Monate lang wurde darüber gesprochen - an diesem Wochenende ist Griechenland tatsächlich pleite. Am Freitag hat die griechische Regierung das Umtauschangebot für Anleihen-Besitzer veröffentlicht. Es bleibt nicht mal die Hälfte des alten Nennwerts übrig.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar können die Gläubiger das Angebot im Moment noch ablehnen - doch die Regierung droht schon mit Zwang, wenn nicht genügend Leute freiwillig mitmachen. Die Teilnahme am Schuldenschnitt ist "ungefähr so freiwillig wie ein Geständnis in der spanischen Inquisition", beschwerte sich Commerzbank-Chef Martin Blessing vergangene Woche.

          „Trau, schau, wem“

          Blessing meckert schon länger über die Modalitäten der Umschuldung - unter anderem darüber, dass man sich auf das Wort der Politiker nicht verlassen könne. Schon als die Griechenland-Krise einige Monate alt war, hatte Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble versprochen: "Es geht nicht um Umschuldung, das ist kein Thema." Blessing hat sich das gemerkt. "Wenn heute noch mal ein Politiker zu mir käme und verlangte, wir sollten unsere Staatsanleihen in den Büchern halten, dann antworte ich: Trau, schau, wem", sagte er schon im vergangenen Oktober.

          Es ist kompliziert geworden. Staatspleiten sind sowieso nie eine einfache Sache - aber seit sich die anderen Eurostaaten in die Zahlungsprobleme Griechenlands eingemischt haben, fühlen sich an allen Ecken Leute ungerecht behandelt. Die Griechen selbst, die jetzt sparen müssen. Die Portugiesen, die auch gerne ihre Schulden los wären. Und die Gläubiger sowieso.

          Gläubiger haben in vielerlei Hinsicht das Nachsehen

          Dabei haben die Gläubiger bei Staatspleiten ohnehin weniger Rechte als bei anderen Insolvenzen. Der Besitz des Staates wird nicht gepfändet. Er muss auch keinen Insolvenzverwalter akzeptieren, der die Finanzen des Landes wieder in Ordnung bringt. Es steht dem Staat sogar frei, sich selbst für bankrott zu erklären, so wie es jetzt Griechenland tut. Wirklich zahlungsunfähig sind Staaten nie, selbst Griechenland könnte theoretisch auch jetzt noch die Schulden aus seinen Steuereinnahmen bedienen - griechische Regierung und Europäische Union halten das nur für unzumutbar.

          Das alles hat gute Gründe. Souveräne demokratische Staaten können zu nichts gezwungen werden, das Schicksal der Staaten müssen Parlamente beschließen. Trotzdem führen die Besonderheiten von Staatsbankrotten dazu, dass Gläubiger mit Staaten in Summe keine guten Erfahrungen gemacht haben - sogar in vielen Fällen schlechtere als mit großen, stabilen Unternehmen. Die große Finanzkrisen-Untersuchung von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zeigt: Im 20. Jahrhundert gab es fast nie eine Zeit, in der weniger als zehn Prozent der untersuchten Staaten pleite waren.

          Schon Goethe machte mit Staatsanleihen Verlust

          Wie frustrierend die Geldanlage in Staatsanleihen sein kann, das hat schon Johann Wolfgang von Goethe erfahren. Er hatte von seiner Mutter österreichische Staatsanleihen geerbt, die hatten aber zur Zeit des Erbes schon deutlich an Wert verloren, weil Österreich sie nicht mehr voll bediente, wie der Frankfurter Historiker Werner Plumpe erzählt. Später hatte Goethe eine richtige Abneigung gegen Anleihen und Papiergeld. Er ließ sich meistens in Gold bezahlen, und sein "Faust" dient heute noch Professoren als Vorlage für die Argumentation gegen das aktuelle Geldsystem.

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