https://www.faz.net/-gqe-6w282

Schuldenkrise : „Die EZB hat denkbar ungeschickt interveniert“

  • Aktualisiert am

Berenberg-Bank-Chefvolkswirt Schmieding kritisiert das Vorgehen der Europäischen Zentralbank in der Schuldenkrise Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank solle auf dem Markt für Staatsanleihen eingreifen, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Nur so ließe sich die Abwärtsspirale stoppen.

          4 Min.

          Herr Schmieding, Sie fordern eine noch größere Intervention der EZB auf dem Markt für Staatsanleihen. Warum hoffen Sie, dass ausgerechnet die Preisgabe der wichtigsten Grundsätze der Währungsunion den Euro retten?

          Es ist die Aufgabe der Zentralbank, das Preisniveau stabil zu halten. Sie muss nicht nur einen inflationären Boom verhindern, sondern auch einen deflationären Einbruch der Wirtschaft. Wenn sie mit einem Eingriff auf dem Markt für Staatsanleihen das Risiko einer Deflation abwehren, den Euro retten und eine politische Katastrophe verhindern kann, gibt sie damit keinen Grundsatz der Währungsunion auf.

          Deflation? Das ist doch ein Scherz. Wir haben eine Inflationsrate von drei Prozent.

           Die EZB darf sich nicht an der aktuellen Inflationsrate orientieren, sie muss vorausschauend handeln. Mit dem griechischen Schuldenschnitt Ende Juli haben wir eine Abwärtsspirale angestoßen. Die Eurozone ist bereits in eine Rezession geschlittert, was wiederum alle Schuldenprobleme verschärft. Wenn wir diese Spirale nicht stoppen, wird die Rezession immer tiefer und in eine Deflation ausarten.

          Wenn es solche Risiken gibt, dann spricht das noch lange nicht für Anleihenkäufe und Staatsfinanzierung. Die EZB senkt dann üblicherweise die Leitzinsen, was gerade geschieht.

          In der aktuellen Krise ziehen die verschreckten Anleger der Welt sich panikartig selbst aus jenen Euroländern zurück, die ihren Haushalt straffen und echte Reformen durchziehen. Die Zinspolitik verpufft da nahezu wirkungslos. Diese Vertrauenskrise kann so nicht beendet werden.

          Was schlagen Sie vor?

          Die EZB sollte ebenso entschlossen handeln wie die Schweizer Nationalbank. Sie sollte ein Sicherheitsnetz für alle Euroländer spannen, denen der Internationale Währungsfonds bescheinigt, dass sie solvent sind, weil sie sich einem Reformprogramm nach dem Vorbild der deutschen 2010-Agenda unterwerfen. Für diese Länder sollte die EZB ankündigen, dass sie deren Staatsanleihen ab einem Renditeaufschlag zu deutschen Titeln von - sagen wir - 5,5 Prozentpunkten notfalls unbegrenzt kaufen würde. Der Zinssatz von etwa 7,6 Prozent für zehnjährige Titel läge über dem heutigen Niveau von Italien. Der Anpassungsdruck bliebe dort hoch.

          Holger Schmieding: „Wer glaubwürdig abschreckt, muss seine Waffen kaum jemals einsetzen.“
          Holger Schmieding: „Wer glaubwürdig abschreckt, muss seine Waffen kaum jemals einsetzen.“ : Bild: Berenberg Bank

          Aber das wäre doch ein Rechtsbruch. Der EZB ist Staatsfinanzierung verboten.

          Rechtsbruch? Im Gegenteil. Wenn die EZB nicht das geeignete Instrument einsetzt, um der Gefahr einer Deflation zu begegnen, verletzt sie ihr Mandat. Die EZB darf auf dem Sekundärmarkt für Staatsanleihen eingreifen. Nur so kann sie derzeit die Abwärtsspirale zuverlässig stoppen.

          Wo sind die Anzeichen für eine Deflation?

          In der Rezession geht der Preisdruck zurück. In der Lehman-Krise dauerte es nur neun Monate von vier Prozent Inflation zu sinkenden Preisen. Ohne Eingriff droht uns eine Massenpanik der Anleger, die Italien, Frankreich und Österreich in den Staatsbankrott treiben kann. Kurz danach wäre auch Deutschland in einer Depression, die rasch in Deflation ausarten würde. Zudem hätten wir das Lebenswerk von Konrad Adenauer und Helmut Kohl, die europäische Einigung, zerstört.

          Weitere Themen

          Es muss nicht immer Tagesgeld sein

          FAZ Plus Artikel: Richtig investieren : Es muss nicht immer Tagesgeld sein

          Wer sich nicht damit zufriedengibt, sein Geld auf dem Girokonto, dem Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto liegen zu lassen und wer die Aktienmärkte scheut, kann sich an Unternehmensanleihen versuchen. Auch Konzerne aus der Region benötigen Geld.

          Topmeldungen

          Die Commerzbank sieht die Verwahrung von Geld für andere als eine Dienstleistung an, für die man auch Geld nehmen kann.

          Ab 100.000 Euro : Commerzbank zieht bei Negativzinsen die Zügel an

          Die Commerzbank verschärft ab Donnerstag ihre Regelung zu Negativzinsen für Privatkunden. Neukunden müssen von 100.000 Euro an 0,5 Prozent Verwahrentgelt zahlen. Mit Bestandskunden wird verhandelt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.