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Schuldenkrise : Die Banken haben Spanien ins Unglück getrieben

Spanien: Die Bank-Bücher sind voller Hypotheken, mit denen die Spanier ihren Bauboom finanziert haben, als die Zinsen noch niedrig waren. Nun stehen eine Million Häuser leer Bild: dapd

Bis zu 80 Milliarden Euro brauchen die spanischen Banken des Landes, schätzt der IWF. Dabei galt das Land lange Zeit als vorbildlich. Wie konnte es so weit kommen?

          Wie pleite ist Spanien? So viel ist klar: Die viertgrößte Volkswirtschaft Europas kann sich aus eigener Kraft nicht mehr refinanzieren. Die Geldgeber haben kein Vertrauen mehr in die Wirtschaftskraft des Landes und fürchten, dass sie ihr Geld möglicherweise nicht zurückerhalten, weil Spanien zahlungsunfähig werden könnte. Deshalb verlangen Kapitalgeber, die spanische Staatsanleihen kaufen wollen, eine hohe Rendite von 6 bis 7 Prozent für den Kauf von zehn Jahre laufenden Papieren - nur zum Vergleich: Deutschland zahlt seinen Anlegern gerade mal 1 Prozent Zinsen. Am Samstag hat Spanien jetzt angekündigt, unter den Rettungsschirm der EU zu schlüpfen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Woher aber kommt der Vertrauensverlust in einen Staat, der anders als Griechenland starke Unternehmen wie den Erdölkonzern Repsol hat, der vor allem in Lateinamerika wächst und wächst? Ein Staat, der sich lange Zeit deutlich weniger stark verschuldet hat als Deutschland, den Ökonomen deshalb den „Musterschüler Europas“ nannten?

          Die Antwort: Das Problem liegt neben der geringen Produktivität der spanischen Arbeitnehmer und in der damit einhergehenden mangelnden Wettbewerbsfähigkeit vor allem bei den spanischen Banken.

          Die Bank-Bücher sind voller Hypotheken, mit denen die Spanier ihren Bauboom finanziert haben, als die Zinsen noch niedrig waren. Nun stehen eine Million Häuser leer. Im Land herrscht Massenarbeitslosigkeit, die Industrieproduktion geht zurück - und die Häuserpreise brechen immer weiter ein. Niemand weiß genau, wie viele Hypotheken in den Bank-Büchern in den nächsten Monaten und Jahren ausfallen werden und die Banken an den Abgrund treiben, so dass sie gerettet werden müssen - vom Staat, der dazu das Geld nicht hat und deshalb unter den Rettungsschirm EFSF schlüpfen muss.

          Über bis zu 350 Milliarden Euro an faulen Krediten wurde zuletzt von allen möglichen Seiten spekuliert, es ist ein Stochern im Nebel. Zurzeit prüfen Berater von Roland Berger und Oliver Wymann die Bilanzen.

          Die erste offizielle Einschätzung

          In der Nacht zum Samstag hat nun der Internationale Währungsfonds (IWF) erstmals eine offizielle Einschätzung gegeben: Demnach könnte ein Rettungspaket zur Sanierung des spanischen Bankensektors 60 bis 80 Milliarden Euro kosten. Der IWF bezifferte den Rekapitalisierungsbedarf der spanischen Banken auf rund 40 Milliarden Euro. Dabei handele es sich um eine Untergrenze, sagte ein hochrangiger IWF-Mitarbeiter in Washington vor Journalisten.

          Nicht eingeschlossen sind etwa Kosten für Umstrukturierungen oder ein Puffer für mögliche Verluste. Um die Finanzmärkte zu überzeugen, würde üblicherweise das 1,5- bis 2-Fache des Kapitalbedarfs angesetzt, erklärte der IWF-Vertreter. Nach dieser Rechnung beläuft sich der Finanzbedarf für das Rettungspaket auf 60 bis 80 Milliarden Euro. Die spanische Regierung hingegen hat bislang einen Kapitalisierungsbedarf für drei Banken von „nur“ 28 Milliarden Euro eingestanden.

          Der IWF betont, dass nicht alle spanischen Banken Kapital zur Rettung brauchten. „Der Kern des Systems erscheint widerstandsfähig“, heißt es in Washington. Die beiden größten Banken Spaniens - die Banco Santander und die BBVA - seien international diversifiziert und würden vorsichtig geführt. Kapitalbedarf aber sieht der Fonds unter den ehemaligen Sparkassen (Cajas), die schon zu Geschäftsbanken umstrukturiert wurden und zum Teil schon Finanzhilfen des Staates erhalten haben.

          In der Analyse beziffert der Währungsfonds nur die reinen Kosten der Bankenkapitalisierung mit 37 Milliarden Euro. Er beruft sich auf Analysen der spanischen Zentralbank und auf einen eigenen Stresstest.

          In dem hypothetischen Stresstest ist unterstellt, dass die spanische Wirtschaft in diesem Jahr um 4,1 Prozent und im kommenden Jahr um 1,6 Prozent schrumpfen wird - das sind eher pessimistische Annahmen. Im April hatte der Fonds Spanien für 2012 eine Schrumpfung des BIP um 1,8 Prozent und für 2013 ein Wachstum von 0,1 Prozent prognostiziert. Die Annahmen der Europäischen Kommission sahen noch etwas rosiger aus.

          Doch Pessimismus ist nicht gleichbedeutend mit Unwahrscheinlichkeit. Die Industrieproduktion in Spanien geht zurück, sank zuletzt im Mai gegenüber dem Vormonat. Die Immobilienwerte würden im IWF-Stress-Szenario um weitere 24 Prozent sinken, und die Arbeitslosenquote würde bis Jahresende 2013 auf grausame 26 Prozent steigen - aber auch das ist nicht aus der Luft gegriffen: Zwar hat die neue spanische Regierung unter der Führung von Ministerpräsident Mariano Rajoy neben anderen Arbeitsmarktreformen auch die Kündigungsschutzregeln aufgeweicht, damit die Unternehmen sich leichter tun mit Neueinstellungen. Doch da die Banken immer weniger Kredite vergeben, wird auch weniger investiert, und in manchen Regionen wie Andalusien ist bald jeder unter 25-Jährige Arbeitssuchende ohne Job.

          Als Maß für das benötigte Eigenkapital für die Banken nimmt der IWF an, dass die Banken nach den Basel-III-Regeln eine Tier-1-Kernkapitalquote harten Eigenkapitals von 7 Prozent halten - die Quote misst, welcher Anteil an Krediten ausfallen müsste, bis die Bank insolvent wäre.

          Wir haben korrigiert: Es wird nicht über bis zu 350 Millionen Euro an faulen Krediten spekuliert, sondern 350 Milliarden.

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