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Schuldenkrise : Alle Blicke richten sich auf die EZB

EZB-Chef Mario Draghi hat die Finanzmärkte neugierig gemacht Bild: dpa

Mit seinem Bekenntnis zur Rettung des Euro hat der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hohe Erwartungen an die nächste Ratssitzung am Donnerstag geweckt. Doch Bankenvolkswirte bezweifeln, dass die Zentralbank bald die Anleihekäufe von Krisenstaaten wieder aufnimmt.

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          Vor der Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag herrscht Hochspannung - an den Märkten wie auch in Notenbankkreisen. EZB-Präsident Mario Draghi hat die Erwartungen hochgeschraubt mit seiner Rede, „alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten“. Vielfach war das als verdeckte Ankündigung eines großen Staatsanleihekaufs interpretiert worden. Die Kurse der spanischen und italienischen Papiere machten einen Sprung, die Renditen sanken.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Mittlerweile ist die Euphorie wieder abgekühlt. „Draghi hat die Messlatte an den Märkten so hoch gehängt, dass er fast zwangsläufig darunter durchlaufen muss“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. „Denn die EZB wird ja nicht anfangen, unlimitiert zu kaufen, was der Wunschtraum vieler Händler wäre.“

          Die meisten Bankanalysten erwarten keine baldigen neuen Anleihekäufe der Zentralbank, die Papiere für 211 Milliarden Euro in ihrem Bestand hat. „Wahrscheinlich wird die EZB nicht sofort handeln, aber sie wird eine starke verbale Intervention machen“, meint Christian Schulz, Analyst bei der Berenberg Bank in London. Der Anleiheanalyst Roger Doig vom britischen Vermögensverwalter Schroder spricht dagegen von einem „Bluff der Zentralbank“. Christoph Balz, Volkswirt bei der Commerzbank, sagt: „Wir glauben, dass Draghi in vielen Punkten eher vage bleiben wird.“ Wenn die EZB zu früh Anleihen kaufe und die Zinsen damit senke, sinke der Reformdruck.

          Einfach vorgeprescht

          Das befürchtet auch die Deutsche Bundesbank. Gegen das Anleihekaufprogramm hat sie stets große Vorbehalte gehabt, weil es Geld- und Fiskalpolitik vermischt. Draghi ist mit seiner Rede in London vorgeprescht, ohne seine EZB-Ratskollegen vorher zu informieren. Das hat für Verstimmung in Notenbankkreisen gesorgt. Noch vor der Ratssitzung treffen sich daher Draghi und Bundesbank-Präsident Weidmann „zu einem Gedankenaustausch auf eine Tasse Kaffee“, wie die freundliche Umschreibung für das zu erwartende Streitgespräch lautet.

          Mit zunehmendem Unbehagen beobachten die Notenbanker zudem, wie die Politik - etwa jüngst durch den Besuch des amerikanischen Finanzministers Timothy Geithner im EZB-Turm - immer unverhohlener Druck auf die Zentralbank auszuüben versucht. Die Amerikaner haben ein Interesse daran, dass die Europäer mit viel Geld die Euro-Krise beruhigen, bevor die Präsidentenwahl in Amerika ansteht.

          Keine Zinssenkung erwartet

          Eine weitere Zinssenkung der EZB an diesem Donnerstag erwartet nur eine Minderheit der Analysten. In einer Reuters-Umfrage äußerten mehr als zwei Drittel der befragten Volkswirte und Banken, dass der Leitzins auf dem Niveau von 0,75 Prozent bleiben werde, auf den die EZB ihn im Juli gesenkt hat. Zugleich wurde der Zins für Einlagen bei der EZB auf null gesenkt. Die Banken können überschüssige Liquidität jetzt nur noch unverzinst der EZB geben. „Weitere Leitzinssenkungen bringen bei den niedrigen Niveaus nur noch wenig“, meint Commerzbank-Ökonom Balz. Die Inflationsrate im Euroraum sinkt entgegen den Erwartungen der EZB derzeit nicht weiter - sie verharrte im Juli bei 2,4 Prozent, weil der Ölpreis wieder gestiegen ist. Im September sehen hingegen viele Beobachter eine Leitzinssenkung auf 0,5 Prozent für wahrscheinlich an.

          Ein weiteres Thema auf der EZB-Ratssitzung könnte eine abermalige Lockerung des Sicherheitenrahmens sein. Die klammen Banken Südeuropas könnten dann noch mehr Papiere - etwa Fremdwährungsanleihen oder gar Aktien - als Pfand bei der EZB hinterlegen, um an frisches Geld zu kommen. Draghi hat eine grundlegende Reform der Sicherheitenpolitik angekündigt, doch ist das Thema sehr komplex; die Vorbereitungen dazu könnten länger dauern. Eine weitere Möglichkeit der EZB wäre eine neue Dreijahresgeldleihe (LTRO), die meisten Analysten halten das aber für eher unwahrscheinlich.

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